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Michael Wendler - Moral in Zeiten des Aufmerksamkeits-Kapitalismus

Gesellschaft : Michael Wendler: Der Skandal vor dem Skandal

Warum der Fall des Michael Wendler ein Lehrstück über Moral in Zeiten des Aufmerksamkeits-Kapitalismus ist. Ein Essay.

Auf einen solchen Skandal hatten die Medien nur gewartet. Sie ereiferten und ergötzten sich am Geschehenen. Geplante TV-Shows fielen ins Wasser. Der Mann, der sich eben noch im Ruhm gesonnt hatte, fand sich plötzlich in der Schmuddelecke wieder, war zur Unperson geworden.

Doch was hatte er getan, dass er mit einem Mal geächtet war? Als getrennt lebender Ehemann hatte er seine Lebenspartnerin und Managerin (Frau Nr. 2) mit seiner Assistentin (Frau Nr. 3) betrogen und Letztere geschwängert. Das war zu viel für eine Öffentlichkeit, die ein wechselhaftes Liebesleben nur dann tolerierte, wenn es nicht öffentlich wurde. So gab man Lou van Burg, Moderator von „Der goldene Schuss“, im Sommer 1967 zum Abschuss frei. Moral ändert sich, Doppelmoral auch. Keine Karriere wäre heute noch durch Untreue gefährdet. Vielmehr erwartet man von Promis, dass sie das Liebeskarussell in Schwung halten. Bloß, was ist ein Prominenter heutzutage eigentlich?

Als Lou van Burgs Karriere endete, waren die bekanntesten Musiker der Welt auch die besten: die Beatles. Berühmtheit und Leistung waren aneinander gekoppelt. Generationsübergreifend gab es einen Konsens darüber, dass ein Künstler sein Handwerk beherrschen musste. Dies galt selbst für die sogenannte niedere Kunst wie Schlager und Unterhaltungsliteratur. Man erwartete, dass der Schnulzier singen und der Groschenheftautor schreiben konnte. Dahinter stand ein klassisches Kapitalismusverständnis: Nur wer Leistung brachte, hatte den Erfolg verdient.

Daher ist es interessant, ein wenig näher hinzuschauen, worin die Leistung eines Michael Wendler, des derzeit schlagzeilenträchtigsten Prominenten, besteht. Die Musik ist es nicht. Seine monotonen Popschlager mit ihrem immergleichen Discofox-Rhythmus verkaufen sich schon seit Jahren schlecht. Sein aktuelles Album „Stunde Null“ hielt sich gerade mal eine Woche in den Charts. „Egal!“ Der Titel seiner letzten Single ist Programm für eine Karriere, in der Erfolg immer nur Selbstzweck war.

In jungen Jahren hatte der gelernte Speditionskaufmann, der damals noch Michael Skowronek hieß, die ruinöse Firma seines Vaters übernommen. Am Ende saß er auf Schulden in Millionenhöhe und musste Privatinsolvenz anmelden. Ein traumatisches Erlebnis. Später, da war er schon „Der Wendler“, klagte er sein Leid: „Ich bin eigentlich vergewaltigt und missbraucht worden. Nicht sexuell sondern finanziell.“

Das mag erklären, warum ihm danach jedes Mittel recht war, um Geld zu verdienen: mit Sexshops, mit Auftritten in Bierzelten und am Ballermann – und nicht nur damit. Der Vorwurf der Täuschung zieht sich wie ein roter Faden durch seine Karriere. Für 40 000 Euro verhökerte er die Namensrechte für ein Wendler-Café auf Mallorca und verbot den Eigentümerinnen danach den Verkauf von Fanartikeln; das Café ging pleite. Der Leiterin des Wendler-Fanclubs schenkte er bei einem Konzert vor mehreren Tausend Zuschauern ein Auto und widerrief sein Versprechen wenige Tage später; das Fahrzeug wäre nur geliehen gewesen. Und im Zusammenhang mit seinem ehemaligen Label und Musikverlag werden ihm und seiner Exgattin Claudia Norberg Insolvenzbetrug vorgeworfen. Letztere wurde bereits zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, der Prozess gegen ihn läuft noch. Solche Rechtsstreite ziehen sich wie ein roter Faden durch Wendlers Karriere. Zu diesem Verhaltensmuster passen auch die aktuellen Täuschungsversuche. Im Januar filmte seine Neuehefrau Laura, wie sie ihn scheinbar damit überrascht, dass sie ihm sein Wunschauto schenkt. Das Video ging viral und brachte eine riesige Publicity. Monate später stellte sich heraus, dass Wendler seinen Traumwagen selbst geleast hatte. Auch staunte man nicht schlecht, als er mit Oliver Pocher, dem er kurz zuvor noch rechtliche Schritte wegen dessen Wendler-Parodien angedroht hatte, gemeinsam in einer Fernsehshow auftrat. Natürlich gegen Geld.

Spätestens da verstand man den Titel seines Albums „Die Maske fällt“. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für einen öffentlichen Aufschrei gewesen. Ein wenig mediale Empörung über einen Lügner und Trickser. Doch das Gegenteil trat ein. Dieter Bohlen holte ihn in die Jury seiner Sprücheklopp-Show DSDS. Und Kaufland verpflichtete ihn als Hauptfigur eines TV-Spots. Weitere lukrative Werbeverträge winkten. Und keiner störte sich daran, dass hier einem offenkundigen Hochstapler der Hof gemacht wurde. Wendler galt plötzlich als cool. Nicht obwohl er die Öffentlichkeit täuschte, sondern weil er damit durchkam.

So funktioniert Aufmerksamkeits-Kapitalismus. Lügen sind Teil des Geschäftsmodells. Solange der Schwindel der Unterhaltung dient, für immer neue Schlagzeilen sorgt und die Umsätze ankurbelt, ist praktisch alles erlaubt. Daher hätte man ihm auch weitere Täuschungsmanöver verziehen. Keinen Spaß hingegen versteht die Medien- und Marketingwelt, wenn sich der gleiche Mensch als Covidiot outet. In einer Videobotschaft sprach Wendler von der „angeblichen Corona-Pandemie“, bei der sich alle Fernsehsender „mitschuldig“ machen würden, weil sie „gleichgeschaltet“ und „politisch gesteuert“ wären. Noch am gleichen Tag zog Kaufland den Werbespot zurück und beendete die Zusammenarbeit. Weitere öffentliche Distanzierungen folgten, unter anderem von RTL, die für das Filmen seiner Hochzeit 750 000 Euro hatten zahlen wollen.

Wie man’s dreht und wendlert, die Botschaft ist eindeutig: Ein Falschspieler zu sein ist okay, solange man sich nicht geistig ins Abseits kickt. Was dies über die Moral im Jahr 2020 aussagt, darüber will man lieber nicht nachdenken. Ist das „Die Pathologie der Normalität“, von der Erich Fromm schon 1962 sprach?