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"Monschau": Ein Gespräch mit Schriftsteller Steffen Kopetzky

Literatur : „In dem Moment wusste ich: Das ist ein Roman“

Steffen Kopetzky über sein neues Buch, die Hintergründe, und warum „Monschau“ eigentlich eine Rittergeschichte ist.

„Ich kann gar nicht aufhören“, sagt Steffen Kopetzky irgendwann, da sind wir schon ziemlich weit gekommen in unserem Gespräch über seinen neuen Roman, über „Monschau“ also, aber auch über Monschau, über Lammersdorf, die Firma Junker, die Pocken in der Region und, immer wieder: Günter Stüttgen. Den Arzt, der nie ein Aufhebens um seine humanitären Verdienste im Zweiten Weltkrieg machte. Oder darüber, wie er in und um Monschau dafür sorgte, dass die Pockenepidemie dort 1962 eingedämmt werden konnte.

Aber das ist ja das Schöne. Der Schriftsteller ist noch immer beseelt von der Geschichte, die er da so großartig erzählt. Von allem, was er an Bezügen und an offenen wie versteckten Kreuz- und Querverweisen ins Buch eingebaut hat. Und von Günter Stüttgen.

Dem Dermatologen hat er jetzt zum zweiten Mal, wie vorher in „Propaganda“, ein Denkmal gesetzt. Oder? „Ja, ich hoffe“, sagt Kopetzky. Als sich abgezeichnet habe, dass er den Roman über die Epidemie in der Eifel (siehe unsere Rezension) angehen würde, da habe er zunächst gezweifelt: „Kann ich das wirklich machen?“

Das Buch sollte, auch wegen Corona, zügig fertig werden. „Und dann“, sagt Kopetzky, „hab ich von ihm geträumt. Er hat nichts gesagt. Er hat mir nur zugenickt. Und mir so vielleicht zu verstehen gegeben: Ich soll das Risiko wagen. Das war ein sehr beeindruckendes Erlebnis, dieses Traumgesicht.“ Das Risiko einzugehen, mit Stüttgens erträumtem Segen, es hat sich gelohnt.

Von dem Ausbruch im Frühjahr 1962 und Stüttgens Rolle dabei wusste Kopetzky aus einem Gespräch mit der Witwe des Professors, der 2003 starb. Er habe das Thema dann aber abgelegt, so dramatisch sei ihm das alles zunächst nicht vorgekommen.

Dann aber kam seine „Propaganda“-Lesereise. Sie führte ihn auch an die Rurtalsperre. Da sei ihm, just an dem Tag, als der erste europäische Corona-Tote bekannt geworden sei, ein Hinweisschild ins Auge gefallen: „Monschau 20 km“.

Nach der Lesung brachte ihn der Nordeifeler Touristiker Gotthard Kirch zum S-Bahnhof. Kopetzky fragte ihn, ob die Epidemie in der Gegend noch präsent sei. Und Kirch begann zu erzählen.

„Da hat’s geschnackelt“, sagt Kopetzky. „Und dann hab ich angefangen zu recherchieren. An diesem Tag.“ Das begann mit dem Buch des Lammersdorfer Regionalhistorikers Jürgen Siebertz (Die Pocken, Chronologie einer Katastrophe im Monschauer Land 1962). „Der Knackpunkt“ aber, sagt Kopetzky, „war das Gespräch, das ich mit einem der damaligen Ärzte führen konnte“. Und der war, wie die Figur des Nikos im Roman, tatsächlich ein Grieche. „Er hat mir seine Sicht erzählt. Und in dem Moment wusste ich: Das ist ein Roman.“

Zugleich sei der junge Arzt von damals ein Vertreter „der ersten Generation von Austauschstudenten in Deutschland“ gewesen. Die Griechen nämlich, sagt Kopetzky, „kamen als Erste“.

Kommen wir zum Antagonisten des Buchs, Rither-Geschäftsführer Richard Seuss, dem Bayern, dem Mann mit dem „Gegenschlagkoffer“ (wunderbares Wort). Der Koffer ist vollgepackt mit allerlei Mittelchen, die Seuss hemmungslos einwirft, wenn er sich wieder, genauso hemmungslos, der Völlerei hingegeben hat. Diesen Typen hat Kopetzky, der Bayer, doch erfunden, um den Eifelern einen einheimischen Bösewicht zu ersparen, oder nicht? „Sie werden staunen“, sagt er. Einen solchen Mann habe es gegeben, als kaufmännischen Partner des Firmenchefs Otto Junker (Kopetzky: „Die waren irgendwann total zerstritten“). Und der sei im Nationalsozialismus auch, wie der Buchcharakter, „Wehrwirtschaftsführer“ gewesen. Kurz: „Eine Figur, die es in sich hatte“. Nur die Romanfamilie Rither (von Junker zu Rither – man muss es aussprechen, um die Anspielung zu verstehen), „die habe ich komplett neu erfunden“.

Nicht erfunden ist der in Monschau aufkreuzende Reporter der – längst eingegangenen – Illustrierten „Quick“ namens Grünwald: Dahinter verbirgt sich Johannes Mario Simmel. Der Verfasser zahlreicher Trivialromane arbeitete in jenen Jahren tatsächlich und unter etlichen Pseudonymen auch als Journalist. „Die ,Quick’ hat damals auch berichtet“, sagt Kopetzky. Ob Simmel dahintergesteckt habe, sei nicht mehr nachzuprüfen. „Dass er es war, ist eben meine Fiktion.“

Kopetzky nennt das Buch übrigens, apropos „Rither“, „einen dermatologischen Ritterroman im deutschen Wirtschaftswunderland mit jeder Menge Optik“. Klingt schön. Und nach einer Verfilmung.

„Es ist tatsächlich so“, bestätigt der Autor. „Zu meiner großen Freude gibt es im Moment drei Filmfirmen, die eine Option erwerben wollen.“

Wer weiß, ob was daraus wird. Allerdings meine er das schon wörtlich, das mit dem Ritterroman: „Da ist ein kleines Königreich (Monschau, die Firma) hinter den sieben Bergen (die Eifel), und da ist ein böser Drache, ein Ungeheuer (die Epidemie), das das Königreich bedroht. Und dann kommen zwei Ritter oder Magier (oder: Ärzte), um das Ungeheuer zu besiegen.“ Ja, passt exakt.

Und als guter Geist über dem Buch schwebe Goethe – auch er ein Pockenopfer. Aber er sei auch der Erste gewesen, der das damalige Tabuthema – weil die Krankheit die Menschen so entstellte – nicht verschwiegen, sondern darüber geschrieben habe. „Und er war der Erste, der die Größe hatte, die Schminke wegzulassen und zu sagen: Ich hatte die Pocken.“

Nicht zu vergessen der Schauplatz, an den nicht nur Günter Stüttgen, sondern jetzt auch Kopetzky zurückgekehrt ist: „Ich verstehe schon, warum Leute Fortsetzungen schreiben. Da hast du Luft unter den Flügeln. Das war schon toll“, sagt Steffen Kopetzky. „Und ich verdanke es der Eifel.“