Musikfestival in Colmar

Musikfestivals : Jede Menge Sahnehäubchen

Elf Tage voller Stars und Töne: Colmar lädt ein zum Internationalen Musikfestival.

In Colmar zählt man auf zwei Zeitebenen – zumindest, was das Internationale Musikfestival angeht, das seit Jahrzehnten in der elsässischen Metropole stattfindet. Wenn nämlich in diesem Jahr die 30. Wiederkehr der Veranstaltung zelebriert wird, ist das nur ein Teil der Wahrheit. Da werden nämlich zehn Jahre schlicht unterschlagen. Und zwar jene erste Dekade,  in der Karl Münchinger, der unmittelbar nach dem Krieg das Stuttgarter Kammerorchester ins Leben rief, die Leitung der Musiktage oblag. Der Dirigent hatte sich nicht nur mit Worten für die deutsch-französische Freundschaft eingesetzt, sondern auch mit Taten – eben der Gründung jenes Festivals knapp hinter der deutschen Grenze.

1979 fand die Premiere unter seiner Stabführung statt (was ihm ein Jahr später prompt die „Goldmedaille der Stadt Straßburg für besondere Verdienste um die französisch-deutsche kulturelle Annäherung“ einbrachte). Zehn Jahre lang leitete Münchinger das Festival, bis 1989 Vladimir Spivakov den Platz am Dirigentenpult übernahm (im März des folgenden Jahres starb Münchinger im Alter von 74 Jahren).

Und der russische Violinist und Dirigent feiert in diesem Jahr seine eigenen 30 Jahre Internationales Musikfestival. Mit einem Ehrengast, der zu Beginn seiner Karriere schon einmal dabei war: Evgeny Kissin. Der 1971 in Moskau geborene Künstler begann bereits als Zweijähriger mit dem Klavierspiel und wurde vier Jahre später an eine Musikschule in seiner Heimatstadt aufgenommen. Von da an ging es in geradezu atemberaubendem Tempo steil bergauf mit der Pianistenlaufbahn: Mit zehn Jahren „Mitwirkung an Mozarts Klavierkonzert d-Moll KV 466“, wie es etwas kryptisch aus der Vita des Wunderkinds berichtet wird. Ein Jahr später dann der erste selbstständige Auftritt, und wiederum ein Jahr darauf erfolgte ein Ritterschlag für den Jungen, ausgeführt vom Dirigenten Dmitri Kitajenko und der Staatsphilharmonie Moskau, die den Zwölfjährigen durch Chopins Klavierkonzerte begleiteten. Von A (wie Claudio Abbado) bis Z (Zubin Mehta) hat er in den folgenden Jahren mit allen namhaften Dirigenten und sämtlichen weltberühmten Orchestern konzertiert und zahllose Preise eingeheimst.

Und jetzt kommt das ehemalige Wunderkind als 46-jähriger Ehrengast zurück an die Lauch, die es von hier durch die Ill nicht mehr weit bis zum Rhein hat. Am 4. Juli wird er das Festival mit einem Soloabend eröffnen (Schumann, Chopin und Debussy), als Komponist und Interpret eigener Werke zu hören sein (9. Juli) sowie im Verbund mit Spivakov und dessen Russischer Nationalphilharmonie das 2. Klavierkonzert von Rachmaninow interpretieren (13. Juli).

Dass Kissin nicht nur mit Tönen spielt, sondern auch mit Wörtern, beweist er am 11. Juli bei einer Lesung mit jiddischen Gedichten. (Übrigens: Wer nicht warten möchte, bis er den Pianisten in Colmar erleben kann, braucht am Donnerstag, 21. Juni, nur bis Luxemburg zu fahren. Dort gibt Kissin in der Philharmonie einen Klavierabend mit Werken von Ludwig van Beethoven und Rachmaninow).

Neben jungen Interpreten, die gerade dabei sind, sich einen Namen zu erarbeiten und für die das Festival im Elsass oft ein Sprungbrett in die internationale Karriere wurde – aus Deutschland ist in diesem Jahr das 2012 in Berlin gegründete Vision Spring Quartet am 11. Juli mit Musik von Ligeti („Métamorphoses nocturnes“) und Beethoven (Streichquartett Nr. 15, op. 132) dabei – geben sich in Colmar drei weitere Weltstars die Ehre: die argentinische Pianistin Martha Argerich und der Cellist Mischa Maisky treten an zwei Abenden gemeinsam auf mit Konzerten von Tschaikowsky und Schostakowitsch am 5. Juli sowie kammermusikalisch am 7. Juli. An diesem Samstag stehen Kompositionen von Beethoven, Debussy, Prokofjew und Franck auf dem Programm.

Und der bereits als Stammgast im Elsass willkommen geheißene Grigory Sokolov gibt am 12. Juli ein Klavierrecital mit Haydn-Sonaten und Schuberts Ohrwürmern, den vier Impromptus op. post. 142.

Evgenij ­Kissin gilt als einer der größten Interpreten der ­Gegenwart. Foto: picture-alliance / obs/arte
Cellist Mischa Maisky wird ­international ­gefeiert. Foto: picture-alliance/ obs/3sat_Suzie_Maeder
Der russische ­Pianist ­Grigory Sokolov wird oft als ­bedeutendster Pianist unserer Zeit gesehen. Foto: picture alliance / dpa/Horst Ossinger

Das Festival dauert vom 4. bis 14. Juli; das komplette Programm sowie Tickets gibt es unter www.festival-colmar.com/de; Karten kosten zwischen 8 und 60 Euro.

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