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„Mutters Flucht“ heißt das neueste und persönlichste Buch von Andreas Wunn

Geschichte : Die Balkanroute ist nicht neu

„Mutters Flucht“ heißt das neueste und persönlichste Buch von Andreas Wunn. Darin schildert der in Konz aufgewachsene Fernsehjournalist („Brasilien für Insider“), wie seine Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat der Donauschwaben im Banat verloren hat.

Die Familiengeschichte von Andreas Wunn ist ungewöhnlich, und doch steht sie für viele Flüchtlingsschicksale – damals wie heute: In „Mutters Flucht“ schreibt der Journalist darüber, wie seine Mutter Rosemarie Wunn zusammen mit ihrer Mutter, Großmutter und ihrem Bruder nach dem Zweiten Weltkrieg aus Setschan, ihrem Geburtsort im heutigen Serbien, nach Deutschland flüchtete. Als Donauschwaben im Banat wurden sie aus ihrer Heimat vertrieben. Ihr Weg führte sie über Ungarn und Österreich nach Bayern – heute bekannt als Balkanroute. Bis sich schließlich die Familie im pfälzischen Hauenstein im Jahr 1950 nach über drei Jahren der Flucht niederließ.
Lange hat Rosemarie Wunn, die heute in Konz lebt und als Lehrerin arbeitete, über ihr Schicksal geschwiegen – zu schmerzhaft war die Erinnerung an die Vergangenheit. Als sie die Berichte über die Flüchtlinge im Fernsehen sah, wurde ihr klar, dass die Balkanroute genau der Weg war, den sie genau 70 Jahre zuvor beschritten hatte. Um sich solidarisch zu zeigen, plante sie einen Vortrag an ihrem Gymnasium in Konz und schrieb dafür handschriftlich ihre Familiengeschichte nieder.
Das Interesse ihres Sohnes, der unter anderem für das ZDF Südamerika-Korrespondent in Rio de Janeiro war und heute als Redaktionsleiter und Moderator für das ZDF-Morgen- und Mittagsmagazin arbeitet, war geweckt: „Als Journalist will ich Fragen stellen und die Dinge wissen – jetzt oder nie, habe ich mir gedacht.“

Wunn verfasste ein Exposé, und schnell interessierte sich ein Buchverlag. Damit war klar: „Wir müssen es machen“. Wunn plante die Reise entlang der Fluchtroute seiner Mutter, einziger Anhaltspunkt war ein handgeschriebener Zettel der Großmutter, in umgekehrter Reihenfolge: Von Trier bis nach Serbien mit dem Auto.
Sein journalistisches Handwerk und seine Erfahrung als Korrespondent waren ihm dabei hilfreich. Schließlich verfügt der 44-Jährige über ein breites Netz von Kollegen in aller Welt, die ihm und seiner Mutter auf den verschiedenen Reisestationen als Dolmetscher und Ortskundige zur Verfügung standen. „Viele Dinge konnte ich organisierten, andere erlebten wir einfach. Und manchmal gab es richtiges Reporterglück, wo verrückte Sachen passierten“, so Wunn bei einem Gespräch in seinem Büro im ZDF-Hauptstadt-Studio in Berlin. Die Herausforderung: „Ich wusste nie, wie meine Mutter reagieren würde.“ Oft sei sie distanziert gewesen – typisch für die Kriegsgeneration.

Trotzdem war es Wunn wichtig, über die Vergangenheit mit seiner Mutter zu sprechen, sie damit zu konfrontieren, auch wenn es schmerzlich ist: „Damit nichts verloren geht. Ich bin froh, dass ich unsere Geschichte aufgeschrieben habe. Das hat einen unglaublichen Wert für mich selbst und meine Familie.“
Er habe kein Sachbuch über die Donauschwaben verfassen, sondern seine ganz persönliche Sicht auf die Vergangenheit aufschreiben wollen: „Nur wenn es persönlich ist, wird ein Buch verstanden und berührt den Leser.“ Das Schicksal seiner Mutter stehe schließlich stellvertretend für viele Flüchtlingsgeschichten, wie sie noch heute passieren und ganze Familien über mehrere Generationen hinweg prägen.
Wunns Absicht geht auf: Sein Buch berührt und zieht in die Geschichte der Donauschwaben hinein, auch ohne Vorkenntnisse. Das liegt auch an seiner szenisch starken Sprache. Die Bilder, die Wunn mit seinen Worten erzeugt, sind so stark, dass sie wie eine Fernsehreportage vor dem inneren Auge des Lesers ablaufen.
Beim Schreiben seines Buchs war Wunn die Meinung seiner Mutter besonders wichtig. Als er ihr das Manuskript schickte, machte er einen Telefontermin mit ihr. Ihre Reaktion bringt Wunn noch heute zum Schmunzeln, wenn er die Anekdote erzählt: „Sie sagte mir, dass ihr das Buch sehr gut gefallen habe, aber den Rechtschreibfehler auf einer gewissen Seite müsste ich unbedingt korrigieren.“

Andreas Wunn, Mutters Flucht – Auf den Spuren einer verlorenen Heimat, Ullstein-Verlag, 256 Seiten, 20 Euro.
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