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Nach dem 2. Weltkrieg gibt es Pläne für eine Uni in Trier

Universität Trier : Die gescheiterte Universitätsgründung

Ein Schild, ein Büro am Hauptmarkt und ein erst kürzlich entdeckter Koffer voller Dokumente – das sind Zeugen der Trierer Universitätsgründung nach dem Krieg 1945 bis 1948. Die Initiative scheiterte und geriet in Vergessenheit. Bis ein privater Nachlass kürzlich Überraschendes zutage förderte.

Dieser Tage feiert die Universität Trier ihr 50-jähriges Bestehen. Und bisweilen erinnert man daran, dass es bereits ein halbes Jahrtausend zuvor, nämlich von 1473 bis 1798, eine Universität in der Moselstadt gegeben hat. Kaum jemand weiß jedoch von der geplanten Universitätsgründung in den Jahren 1945 bis 1948, für die es bereits ein repräsentatives Büro am Hauptmarkt gab, dazu knapp 200 Bewerbungen auf Professuren, rund 1600 Anmeldungen von Studieninteressenten im Oktober 1946, ein halbes Jahr später gar 3093, und sogar einen Namenspatron (Kaiser Konstantin) – und die doch scheiterte.

„Als ich diese Listen von Bewerbern gesehen habe, dazu die Namen der Historiker, die ich verorten konnte, da habe ich sofort Feuer gefangen“, erzählt Dr. Stephan Laux, Professor für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Trier, der gerade ein Buch zu den Ereignissen nach dem Krieg geschrieben hat. In ihm lotet er aus, welche Chancen für eine  Universitätsgründung tatsächlich bestanden haben, und beleuchtet die Rahmenbedingungen auf deutscher und auf französischer Seite. „Mir war klar, dass da ein ganz erheblicher Vorlauf vonstatten gegangen sein muss“, sagt Laux über seine ersten Eindrücke von den vorliegenden Bewerberlisten. So machte der Historiker sich auf Quellensuche, unter anderem nahe Paris im Archiv der damaligen französischen Besatzungsbehörden. Und mitten hinein in die Recherche schneite dann ein Koffer voller Dokumente, die dem Projekt eine neue Wendung gaben.

Dass eine Universitätsgründung scheitert, mag zunächst unspektakulär erscheinen. Ungewöhnlich an den Trierer Vorgängen nach dem Krieg war jedoch, welch enormen Aufwand die Akteure in Eigenregie betrieben und wie weit entwickelt die Pläne zur Aufnahme des Lehrbetriebs bei ihrem Scheitern schon waren. Dabei war es tragischerweise die Eigenmächtigkeit der Trierer Initiative, die letztlich die Ablehnung der französischen Besatzungsmacht hervorrief. Während noch jegliche Finanzierungszusage, Gebäude und sonstige Infrastruktur fehlten, stellte Mitte 1947 der Beauftragte des Gründungskuratoriums Aloys Fery bereits fest: „Der Dozentenkörper ist inzwischen durch Bewerbung deutscher Dozenten komplett und könnte in Funktion treten. Laufend kommen die Herren, die sich um einen Lehrstuhl beworben haben, hierher.“ Im Rückblick eine groteske Situation.

Wer waren die Akteure? Es war ein Kreis von einzelnen Personen, legt Professor Laux dar: städtische Honoratioren, Konservative, Katholiken, Repräsentanten der Gesellschaft und der frühen Nachkriegsparteien, insbesondere der CDP, Vorgängerpartei der CDU. Sie wollten nach dem Ende von Krieg und Diktatur eine Ordnung auf christlicher Grundlage aufbauen und nahmen nostalgisch Bezug auf die Zeiten der alten Universität aus kurfürstlicher Zeit. Ihr antimodernistisches Credo: das „Abendland“. Und sie agierten in dem Selbstverständnis, wonach der Katholizismus sich per se nicht mit dem Nationalsozialismus vertrage, mithin die der Zentrums-Partei nahestehenden Trierer Katholiken keine Schuld an den Nazi-Verbrechen treffe. Hintergrund: Bei den Reichstagswahlen 1933 hatte in Trier „nur“ ein Drittel der Wähler der NSDAP oder der ideologisch ähnlichen Kampffront ihre Stimme gegeben.

Während Bistum und Stadt sich zurückhielten, schuf der damalige Regierungspräsident Wilhelm Steinlein gleich Fakten. Sobald er von der örtlichen Militärregierung die Bevollmächtigung erhalten hatte, die Planungen der Trierer Universität voranzutreiben, setzte er seinen Dezernenten Dr. Aloys Fery an die Vorbereitungen, „um die Eröffnung der Universität zum Oktober 1946 zu ermöglichen“. Ohne Mitwirken der französischen Behörden, deren Sitz in Baden-Baden lag, trafen sich die Trierer Aktivisten dann zum Gründungskuratorium. Steinlein berief in der ersten „Plenarsitzung“ am 12. April 1946 vier Kommissionen ein, die sich um Bau-, Finanz-, Verwaltungs- und Studienfragen kümmern sollten. Hoffnungen setzten die Trierer Aktivisten in eine Stiftungsuniversität mit Beteiligung von Bistum, Stadt und Land. Voller Idealismus beschreibt Fery, der zum Beauftragten für den Uni-Aufbau bestimmt wurde, die Ambitionen so: „Die Trierer Universität wird Bahnbrecherin werden auf dem Weg zu Neuem und kann zur geistigen Gesundung wesentlich beitragen, einer Gesundung, die für Europas Bestand und weiteres Wirken im Weltgeschehen entscheidend sein wird.“

Ruck-zuck hatte Fery knapp 200 Bewerber auf Professorenstellen in den vier geplanten Fakultäten zusammen –, in Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Philosophie, Naturwissenschaften und Medizin. Woher wussten sie alle von den Trierer Uni-Plänen? „Das  ist mysteriös“, sagt Laux, „ich habe auch keine Ausschreibung gesehen. Die Aktivisten haben Korrespondenz unter der Hand geführt und haben einander angesprochen. Die haben die Leute hierhin eingeladen. Da waren auch Männerfreundschaften, es war informelle Kommunikation. Man wusste, obwohl es damals noch kein Twitter & Co. gab, dass in Trier etwas in Bewegung war.“ Unter den Bewerbern, die einen Fragebogen ausgefüllt haben, waren 61 Prozent zuvor Mitglieder der NSDAP gewesen – deutlich mehr, als dies an den Universitäten in Freiburg (33 Prozent), Tübingen (40 Prozent) oder an der neu gegründeten Uni in Mainz der Fall war. Dies stand in krassem Gegensatz zu den Interessen der französischen Besatzer.

Die Franzosen haben die Entnazifizierung sehr ernst genommen“, sagt Laux. Und in keiner der drei westlichen Besatzungszonen habe die Bildungspolitik einen so hohen Stellenwert gehabt wie bei den Franzosen, weil man dort nach der Erfahrung von drei Angriffskriegen, die man erlitten hatte, der festen Auffassung war, es müsse den Deutschen jeglicher Nationalismus und Chauvinismus ausgetrieben werden. Kulturpolitik sollte folglich der Umerziehung der Deutschen dienen. Dass die Weichen dafür von den Besatzern gestellt werden sollten, verstand sich von selbst. „Sie wollten es sich nicht diktieren lassen – das war eine Prinzipienfrage“, so Laux. Dass die Deutschen an den französischen Behörden vorbei Personalpolitik betrieben, statt den Dialog mit ihnen zu suchen, musste „als außerordentliche Provokation angesehen worden sein“, zumal die Listen mit früheren Nazis die Gefahr von deren Rehabilitierung zu bestätigen schienen. An dieser Stelle hätte es am meisten der intensiven Kommunikation mit den obersten Vertretern der Besatzer bedurft. „Man hat sich am liebsten an diejenigen gehalten, von denen man am wenigsten Widerspruch fürchtete, und das war der Kommandant in Trier, der aber gegenüber den übergeordneten Behörden wenig zu sagen hatte.“ Dahinter stand nicht nur Unbeholfenheit in der Kommunikation, sondern der Vorsatz Einzelner, die Franzosen vor vollendete Tatsachen zu stellen. Und so verstrichen die avisierten Eröffnungstermine.

Und der Koffer? „Das ist eine bewegende Geschichte“, sagt Professor Laux. In diesem Jahr starb eine Tochter von Aloys Fery und hinterließ ihrem Sohn, einem Bitburger Arzt, einen Koffer voller Dokumente zu seinen Aktivitäten nach Kriegsende. Fery war 1959 gestorben. Es war Zufall, dass sein Nachlass just zu dem Zeitpunkt entdeckt wurde, als Laux ein Buch darüber schrieb. „Wenn wir diesen Nachlass nicht gefunden hätten“, sagt er, „dann hätten mir nicht nur Details gefehlt, sondern ich hätte eine Fehleinschätzung abgegeben, was den rein konservativen Geist dieser Universitätsgründer angeht, das wäre ungerecht gewesen.“ Die Unterlagen erbrachten auch Beweise, dass es tatsächlich Chancen auf eine Uni-Gründung in Trier gegeben hat.

Laux’ Buch geht diesen Fragen allgemeinverständlich nach und ist auch für Nicht-Wissenschaftler eine spannende Lektüre. Über die Episode der gescheiterten Universitätsgründung hinaus eröffnet die Darstellung vielfältige Einblicke in die Trierer Stadtgeschichte und die Zeit des Übergangs von der Diktatur zur Demokratie.

Die gescheiterte Universitätsgründung 1945-1948 Foto: Stadtarchiv, privat: Dr. Michael Jager/Stadtarchiv, privat
Bei ihm liefen alle Fäden zusammen: Dr. Aloys Fery, 1892 bis 1959. Foto: Stadtarchiv, privat: Dr. Michael Jager/Stadtarchiv, privat
Die neue Hochschule firmierte schon mal am Hauptmarkt, das Schild stammt von 1946 oder 1947. Ein Jahr später scheiterte die Gründungsinitiative. Foto: Stadtarchiv, privat: Dr. Michael Jager/Stadtarchiv, privat
Die französische ­Besatzungszone bestand aus zwei sich bei ­Karlsruhe berührenden Gebieten. Hauptsitz war Baden-Baden. Foto: Stadtarchiv, privat: Dr. Michael Jager/Stadtarchiv, privat

Stephan Laux, „Quelque chose d’assez mystérieux“: Die gescheiterte Universitätsgründung in Trier 1945-1948. Motive, Planungen, Reaktionen, Verlag für Geschichte und Kultur Trier 2020, Schriftenreihe des Stadtarchivs, 240 Seiten, 29,90 Euro (18,50 Euro für Studierende und Mitglieder des Vereins Trierisch und der Gesellschaft für Nützliche Forschungen).