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Napoleon. Ein Spaziergang mit einem Trierer Historiker.

Kostenpflichtiger Inhalt: Kultur : Danke, Monsieur Bonaparte! Wie Napoleon das Trierer Stadtbild veränderte

Die Porta Nigra hat Geburtstag. 1850 Jahre! Dass wir den Römerbau so erfahren können, verdanken wir der Entscheidung eines Mannes, der in der Region deutliche Spuren hinterlassen hat: Napoleon. Ein Spaziergang mit einem Trierer Historiker.

Seit 1850 Jahren steht die Porta Nigra, imposantes Wahrzeichen der Stadt Trier. Dass sie erhalten blieb und dem Schicksal eines Steinbruchs entging, verdankt sie dem Umbau zur Kirche im 11. Jahrhundert, bei dem die unteren Torbögen zugeschüttet wurden. 770 Jahre wurden hier Messen gefeiert, Kinder getauft und Andachten gehalten. Bis Kaiser Napoleon die Stadt besuchte und verfügte, alle nachantiken Umbauten rückgängig zu machen. Eine weitreichende Entscheidung, die sich als Initialzündung für die neue Wertschätzung des antiken Erbes erwies. Heute erstaunt es, dass ein Mann so wirkmächtig sein konnte. Für Trier und die Region blieb es nicht die einzige markante Entscheidung Napoleons. Eine Spurensuche mit dem Historiker Professor Frank Hirschmann.

Welche sind neben dem Porta-Rückbau die deutlichsten Spuren, die Napoleon in Trier und der Region hinterlassen hat?

Auf den Spuren Napoleons: Professor Frank Hirschmann in Trier. Foto: Anne Heucher

FRANK HIRSCHMANN Er hat die Liebfrauenkirche stehen lassen und Welschnonnen, die Bildung der Mädchen, vor der Schließung bewahrt. Außerdem hat er die Vereinigten Hospitien und das Landarmenhaus für die ganze Region gegründet.

Die Liebfrauenkirche hätte in der Säkularisierung abgerissen werden sollen. Der Legende nach haben die Trierer Napoleon vom Balkon des Palais’ Kesselstatt das gotische Meisterwerk französischer Baumeister gezeigt und ihm die Umfunktionierung zur Pfarrkirche schmackhaft gemacht.

HIRSCHMANN Dahinter steht die preußische Geschichtsschreibung, die noch weit ins 20. Jahrhundert hinein die Trierer Geschichtsschreibung beeinflusst hat. Da stellt man Napoleon immer als so dummen kleinen Franzosen dar, der sich überlisten lässt von den schlauen Trierern. So kommt diese Legende mit dem Balkon bei Kesselstatt zustande. So kommt ebenso die Legende zustande, die Trierer hätten ihm gesagt, dass die Porta eine gallische Burg gewesen sei. Aber so dumm war Napoleon nicht, und vor allem hatte er ja auch oft Archäologen im Tross. Ein römisches Stadttor war mindestens so spannend für Napoleon wie eine gallische Burg, denn damit stellte er sich in die kaiserliche Tradition der Römer.

Napoleon ist 1804 in die Stadt geritten. Ist die Entscheidung des Rückbaus der Porta wirklich auf ihn persönlich zurückzuführen?

HIRSCHMANN So ist es. Ein Gerücht ist aber, er sei durchs Tor der Kaiserthermen geritten. Das ist  Quatsch, dann wäre der ja von Olewig gekommen. Das Tor führt ja sonst nirgendwo hin. Ganz klar ist er durch das Neutor hier eingeritten, durch die Straße von Metz. Das ist ja auch viel repräsentativer, als sich durch so ein Törchen am Rand in die Stadt zu schleichen.

Verehrt und gehasst: Napoleon gilt als eine der schillerndsten Figuren der Weltgeschichte. Foto: picture alliance / dpa/Horst Ossinger

Warum durfte die Liebfrauenkirche stehen bleiben?

HIRSCHMANN Es war ein nicht exzeptionelles Mittel, dass man einfach die Pfarrfunktionen in die größere Kirche verlegt hat, um diese zu retten. Statt Liebfrauen hat man dann Laurentius abgerissen und statt St. Paulin die in der Tat nicht erhaltenswerte Walburga-Kirche.

Napoleon war ja kein Kirchenfeind. Hat er der antichristlichen Revolution den Wind aus den Segeln genommen?

HIRSCHMANN Natürlich all das  auch im eigenen Interesse. Wie gläubig der war, wissen wir nicht. Aber damit hatte er ganz entscheidenden Rückhalt in der Bevölkerung, weil er geguckt hat, dass die Seelsorge aufrechterhalten bleibt. Bei der Krönung seiner Frau Joséphine saß nach dem Gemälde von David der Papst als Deko im Hintergrund. Als Deko und natürlich als Propagandamittel.

Unter Napoleon ging es den Trierern nicht nur schlechter, ihm wurde ja ein begeisterter Empfang bereitet.

HIRSCHMANN Ja, spätestens seit der Trikolore-Ausstellung 2002 hat sich das Bild sehr gewandelt. Mttlerweile ist es wohl doch in die Köpfe hineingewachsen, dass das eine Aufbruchzeit war. Man hatte natürlich Steuern zu zahlen, die Jungs wurden auch rekrutiert, aber wenn ich auf die Stadt als Ganzes blicke, ist es ganz klar eine Aufschwungzeit. Das beginnt damit, dass Trier Hauptstadt des Departements de la Sarre wurde, geht weiter mit einer großen Rationalisierung des Alltags wie der Einführung von Hausnummern und des metrischen Systems – ein ganz großer Schritt der Modernisierung. Und dann hat Napoleon eine Volkszählung veranlasst, zum ersten Mal.

Es war aber doch einschneidend, welche Umverteilung von Vermögen stattgefunden hat, wie viele Klöster aufgelöst und enteignet wurden.

HIRSCHMANN Und wie viele Trierer sind richtig reich geworden! Man sieht das heute immer nur so negativ: Natürlich ist da manches an Kulturgütern zerstört worden, aber in Trier hatten wir das Glück, dass wir den Richter Hermes hatten und dass wir den Wyttenbach hatten, der die Stadtbibliothek gegründet hat, und dadurch sind wirklich Tausende von Handschriften und Kunstschätzen bewahrt geblieben.

Der Zweispitz ist ein typisches Kleidungsstück Napoleons gewesen. Heute liegt er im Museum. Foto: picture alliance / dpa/Horst Ossinger

Inwieweit war die Säkularisierung denn in Napoleons Verantwortung?

HIRSCHMANN Das war unter Napoleon, und es geschah nicht ohne seinen Willen, und es betraf nicht nur die Stadt Trier, sondern auch die landsässigen Klöster wie Prüm und Himmerod. Dann kam der Code civil, der nicht Code napoleon heißt, aber doch ganz klar seine Handschrift trägt. Zum ersten Mal in der Geschichte waren alle Trierer unabhängig von Reichtum und Religion gleich vor dem Gesetz – Trierer, nicht Triererinnen. Die Zivilehe wurde eingeführt. Da ist also auch ganz viel Positives geschehen.

Die Vereinigten Hospitien wurden gegründet, weil mit der Aufhebung der Klöster die Armen- und Krankenpflege nicht mehr gewährleistet war.

HIRSCHMANN Das ist im Grunde dasselbe wie bei Welschnonnen, wo es die Bildung der Mädchen betraf. Erinnern Sie sich an den Prozess Anfang der 2000er Jahre um den Status der Mitarbeiter bei den Vereinigten Hospitien? Diese Stiftung sah sich als kirchliche Einrichtung, in der die Mitarbeiter eingeschränkte Rechte haben und bei unsittlichem Lebenswandel Sanktionen befürchten müssen. Doch sie sind abgeschmettert worden mit der Begründung, Napoleon habe die Stiftung geschaffen, damit sie die Armen- und Krankenfürsorge als staatliche Aufgabe wahrnimmt.

Warum hat Napoleon sich um die Mädchenbildung in Welschnonnen gekümmert, wo er doch die Trierer Universität geschlossen hat?

HIRSCHMANN Er hat erkannt, dass die Einrichtung der welschen Nonnen aus dem Lütticher Raum die einzige Mädchenschule in dieser nicht so kleinen Stadt ist.

Bei der Universität wiederum hat er nicht erkannt, wie wichtig die Bildung ist.

HIRSCHMANN Das würde ich nicht so sehen. Der hat erkannt, was wahrscheinlich schon längst alle wussten, dass diese unbedeutende kleine Universität keine wirkliche Bildungseinrichtung war, dazu stark jesuitisch geprägt.

Aber man konnte ja nicht nur Theologie studieren, sondern auch Jura.

HIRSCHMANN Ja, aber alles unbedeutend. Das war einfach ein Gnadenstoß einer Institution, die den Anschluss an die Zeit völlig verpasst hatte, die keinerlei Ausstrahlung hatte.

Hat man bei den Hospitien alles zusammengefasst, was es an karikativen klösterlichen oder kirchlichen Einrichtungen gab?

HIRSCHMANN In der frühen Neuzeit haben sich die Hospitäler immer mehr spezialisiert, die einen auf Waisenkinder, die anderen auf Gebrechliche, die anderen auf die Krankenpflege.

Hat er das auch gemacht, weil er sich als Gönner sehen wollte?

HIRSCHMANN Bei ihm war alles auch auf die Eigendarstellung bedacht – siehe Donald Trump. Aber es war ja durchaus ein sinnvoller Schritt.

Wie kommt es eigentlich, dass ein Mann allein eine so ungeheure Wirkmächtigkeit haben kann?

HIRSCHMANN Weil er wirklich der Herrscher über Europa war, weil er überall so viele Spuren hinterlassen und Europa umgekrempelt hat.

Weil er der richtige Mann zur richtigen Zeit war? Hat er das Schreckgespenst der Revolution gezähmt?

HIRSCHMANN Ja, in jedem Fall. Und indem er den christlichen Kult wieder gefördert hat, nicht aktiv, aber indem er die Wirren der Revolution rückgängig gemacht hat, trug das auch zu seinem Ansehen bei der Bevölkerung und bei vielen europäischen Intellektuellen und Herrschern bei, die von der Aufklärung geprägt waren. Paradebeispiel ist Beethoven, den wir dieses Jahr feiern. Der war ein glühender Napoleon-Verehrer, wurde dann aber angesichts der Exzesse, mit denen die Heere geplündert haben, und seiner diktatorischen Herrschaft zu einem großen Gegner Napoleons.