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Musik
Lauter, bunter und vielleicht auch weiblicher: die „rainy days“

Luxemburg. (mö) Man erwartet eine Präsentation Neuer Musik und hat zunächst einmal Kraut und Rüben vor sich – eine bunte Gemüse-Auslage. So ökologisch haben sich die Luxemburger „rainy days“ seit ihrer Gründung im Jahr 2000 noch nie präsentiert.

In diesem zugleich üppigen und unkonventionellen Titelbild wirkt der Schriftzug mit dem Motto „get real“ und dessen wohl unbeabsichtigten Beatles-Assoziationen („nothing is real“) einigermaßen unauffällig.

Dabei berührt das Motto eine Thematik von größter Aktualität. Wie lässt sich Neue Musik anbinden an den akustischen Alltag der Bevölkerung? Wie lassen sich experimentelle und häufig atonale Klänge integrieren  in die ganz normalen Umgebungsgeräusche? Und was lässt sich von denen aufnehmen und musikalisch verarbeiten? Die „rainy days“ haben dazu keine definitive Lösung parat, aber eine Vielzahl von Anregungen. Dazu gehört auch das Gemüse-Foto auf dem 272 Seiten starken Programmbuch und dem mehrsprachigen Veranstaltungsführer im Westentaschen-Format.

Konzeptidee ist dieses Jahr, „die Wirklichkeit in der zeitgenössischen Musik zu erkunden“. Neue Musik – so lässt sich der Einführungstext verstehen – soll ausgreifen auf die Realität und umgekehrt die Realität wahrnehmen und in Musik übersetzen.  Geradezu programmatisch startet das Festival nicht mit einem groß angelegten Orchester-Auftritt, sondern mit den „Greatest Hits“ der Kultband „Einstürzende Neubauten“ (13. November, 20 Uhr, Philharmonie). Deutlicher lässt sich kaum mehr demonstrieren, dass die „rainy days“ ihr Konzept behutsam und theoretisch fundiert anpassen an die Wirklichkeit ­außerhalb der Sinfoniekonzerte. Am 16. November nimmt das Ensemble Resonanz unter Emilio Pomarico mit Janaceks „Tagebuch eines Verschollenen“ und den „Migrants“ von Georges Aperghis Flüchtlings-Situationen ins Visier. Tags darauf  stellen die „United Instruments of Lucilin“ dann unter dem Titel „Traces of reality“ (Spuren der Wirklichkeit) gleich vier Varianten musikalischer Alltags-Erfahrungen vor, darunter Alltagsklänge von Flugreisen (Matthew Shlomowitz) und Reden berühmter Persönlichkeiten in Transkriptionen (Peter Ablinger). Und mit „Paris qui dort“ (schlummerndes Paris) von 1927 berührt Kino-Großmeister René Clair auch das Thema von der Relativität der Zeit. Von der Eröffnung bis zum abschließenden „bal contemporain“ finden 16 Veranstaltungen statt, manche mehrteilig. 15 Uraufführungen wird es geben.

Zum allergrößten Teil kommen die Komponisten aus der jüngeren Generation, auch die Komponistinnen. So stellt das nur aus Frauen bestehende Diotima-Quartett zwei neue Kompositionen von Rebecca Saunders Sivan  Eldar vor (23. 11.). Neu sind die „Wohnzimmerkonzerte“. Privatpersonen in Luxemburg-Stadt öffnen ihre Bleibe für Kurzkonzerte und musikalische Spaziergänge mit den Musikern des belgischen Nadar-Ensembles. Und  das „Lucilin“-Ensemble veranstaltet mit der Abtei Neumünster erneut eine „Luxembourg Composition Academy“ mit acht jungen Komponisten. Schließlich findet wieder ein Kompositionsworkshop für Zehn- bis Zwölfjährige statt. Auch wenn die Grundlinien bleiben – das Festival verändert sich. Es wird bunter, spielerischer, vielleicht lauter und ganz sicher auch weiblicher.