Jazz-Gipfel: Nicht eine Minute Leerlauf

Jazz-Gipfel : Nicht eine Minute Leerlauf

Hochrangig und bestens besucht: Der Trierer Jazz-Gipfel in der Tuchfabrik.

Über Mangel an Interesse konnte sich der veranstaltende Trierer Jazzclub wahrhaftig nicht beklagen. Beim 19. Jazz-Gipfel wurden im großen Saal der Tufa rasch die Stühle rar. Wer zu spät kam für einen Sitzplatz, stellte sich an die Betonwand, füllte die eine oder andere Nische aus, und manche kauerten vor dem Podium fast demütig auf dem Boden. Als dann gegen Viertel nach zwölf der letzte Akkord verhallt war und die Deckenbeleuchtung anging, da war immer noch ein Großteil der rund 250 Besucher dabei und forderte ebenso lautstark wie erfolglos eine weitere Zugabe.

Pures Stehvermögen reicht für solch einen Marathon ganz sicher nicht aus – weder bei Musikern noch bei Hörern. Es waren Stimmung und Qualität dieser Veranstaltung, die den Zeitablauf vergessen machten. Nicht einen Moment lang kam so etwas auf wie Langeweile. Sogar in den Umbaupausen, ohne die eine Veranstaltung wie diese nicht auskommt, stellte sich Leerlauf nicht ein. Dazu blieben die Erinnerungen ans Gehörte und die Vorfreude auf den nächsten Auftritt viel zu präsent.

Die Veranstaltung war so etwas wie eine Bestandsaufnahme. Sie repräsentiert den aktuellen Stand der Trierer Jazz-Szene. Keine Frage: Das Resultat ist beeindruckend. Da erarbeiten sich in einer Region ohne Jazz-Abteilung, ja, überhaupt ohne Musikhochschule, begeisterte Musikerinnen und Musiker ihren persönlichen Stil. Sie bleiben damit nicht im stillen Kämmerlein, sondern gehen an die Öffentlichkeit. Und der große Andrang zum Konzert zeigt – die Jazz-Freunde haben verstanden, dass es in Trier ein erstaunliches Potenzial für alles gibt, was irgendwie mit dieser Gattung zu tun hat.

Selbstverständlich war der Grad an Professionalität bei den Ausführenden unterschiedlich. Aber alle, die nach und nach auf die Bühne kamen, strahlten eine Begeisterung aus, die auch im Publikum jeden Anflug von Müdigkeit vertrieb. Jazzclub-Vorsitzender Nils Thoma machte es mit seiner bezeichnend ad hoc benannten Gruppe vor: Jazz braucht nicht unbedingt musikalische Routine, aber auf jeden Falls eins – Spontaneität.

Scheuklappen hatten sich die Veranstalter bei der Auswahl bestimmt nicht angelegt. Das stilistische Spektrum war erstaunlich breit. Obwohl der Schwerpunkt auf Jazz mit Rock-Elementen lag, hatte der Jazzclub auch Vertreter anderer Stile berücksichtigt. Der Jazz- und Pop-Chor sang unter Dirigent Thomas Rieff stimmstark und sichtlich engagiert amerikanische Chorlieder, ließ freilich die Frage offen, ob alle schrägen Klänge tatsächlich so in der Partitur standen. Nach der Pause dann boten Johnny Weber und Stephan Völpel vom Duo Groove Improve eine seltene Verbindung aus Brillanz und Dezenz – professionell bis in die Fingerspitzen.

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Im Zentrum indes stand, was im engeren Sinn als Jazz gilt – die spannende Verbindung markanter Rhythmen, charakteristisch dissonanzenreicher Harmonik mit einer teils improvisierten, teils vorgegebenen Melodik und nicht zuletzt mit einer möglichst großen Bühnenpräsenz.

Da lieferte die Band mit dem provokativ-herablassenden Namen Tinnef ein Glanzstück.

Andere Höhepunkte hatte man sich für den zweiten Teil des Gipfels aufgespart. So zogen das Poschenrieder-Schweigstill-Quartett und die Band Herr Noll Essences die Hörer förmlich in ihre Musik hinein.

Die Krönung kam dann zum Abschluss mit der Bach-Band um Pianist Ralf Bach und Trompeter Helmut „Daisy“ Becker. Klar: Da spielt nach 20 Jahren Band-Aktivität auch einige Routine mit, und spät am Abend war es sowieso. Aber sie liefern nach wie vor Qualität. Und die entscheidet.

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