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Musicals
Kitsch ohne Schmelz

 Auf einem Maskenball kann sich das Phantom, hier als roter Tod verkleidet, bewegen, ohne erkannt zu werden. Christine hat Angst vor ihm.
Auf einem Maskenball kann sich das Phantom, hier als roter Tod verkleidet, bewegen, ohne erkannt zu werden. Christine hat Angst vor ihm. FOTO: Clemens Sarholz
Trier. Gesungen und geschauspielert haben sie gut beim „Phantom der Oper“ in der Trierer Europahalle. Doch irgendetwas war anders. 400 Gäste waren da. Von Clemens Sarholz

Wer „Phantom der Oper“ und „Musical“ in einem Satz liest, denkt automatisch an Andrew Lloyd Webbers Erfolgsstück. Für „Die große Andrew Lloyd Webber Musical Gala“ werben die Produzenten sogar im Programmheft. Wer sich aber auf den Musicalklassiker gefreut hat, der musste enttäuscht feststellen, dass diesen Versionen nichts gemein ist, außer dem Namen, den Eintrittspreisen (Abendkasse 41 bis 91 Euro) und der Grundlage. Sogar der Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen hat solche Irreführungen schon moniert.

Doch haben sich die Produzenten „Weltstar Deborah Sasson“ (laut Programmheft) und Jochen Sautter an die Buchvorlage von Gaston Leroux gehalten. Die Geschichte spielt in einer Pariser Oper. Christine, gespielt in der Zweitbesetzung von Nicole Ciroth, ein unbekanntes Chormädchen, bekommt vom Phantom der Oper, Erik (Axel Olzinger), Gesangsunterricht, wodurch sie bald auch solistisch brillieren kann. Erik, das Phantom, ein musikalisches Genie und von Geburt an schwer entstellt, lebt auf der Flucht vor Verachtung in den Kellern der Oper, an dessen Bau er auch beteiligt war, und verliebt sich in Christine. Christines Herz gehört aber Raoul (Jochen Sautter), dem Comte de Chagny. Die Geschichte endet in einem Eifersuchtsdrama, im Roman, Achtung Spoiler, stirbt das Phantom an einem gebrochenen Herzen, im Musical versucht es, sich zu erschießen, schafft es aber nicht. Trotzdem kein Happy End.

Die Produzenten Deborah Sasson und Jochen Sautter tragen ziemlich dick auf bei ihrer Interpretation, und den Leuten gefällt das, wie sich später herausstellen wird. „Das deutschsprachige Meisterwerk mit großem Orchester“, so steht es im Programmheft, hat eine Besetzung von 14 Instrumentalisten plus Dirigenten. Die gut gespielt haben, wenn auch die Musik nicht jedermanns Sache war.

Wunderlich war es beispielsweise, dass sich Rülpser und Flachwitze in die Geschichte eingefügt haben. „Welche Stellung findest du denn am besten?“ fragt, in laszivem Tonfall, eine La Carlotta, gespielt von Ann Jennings, die in den Opernpassagen überzeugen konnte. Man fragt sich, ob das dem Ruf, der dem Stück vorauseilt, würdig ist.

Es gab ein musikalisches Leitmotiv, das sich durchgezogen hat, doch verflüchtigte  sich das unmittelbar nach der Vorstellung aus dem Gedächtnis. Ohrwürmer generiert das Musical also nicht. Dafür gibt es aber dramatische Rhythmen mit im Staccato gespielten Geigen und Texten wie „Komm Christine, komm doch zu mir, du hast mein Herz berührt“. Pathetische Weichspüler, wie sie Helene Fischer und Florian Silbereisen nicht kitschiger hätten intonieren können.

Schauspielerisch und musikalisch hat man den Schauspielern und Musikern ihre Nummer abgenommen, nur blieben Gefühle auf der Strecke. Die Rührung blieb aus. Keiner, der die Hand seines Partners nimmt und sie drückt, keine Träne, kein Taschentuch. Aber den Leuten gefiel es, sie haben stehend applaudiert.