Premiere des Stücks Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

Theater : Wenn Marcel Marceau gesprochen hätte …

Magnifique!  François Camus ist Monsieur Ibrahim, Momo, sein Vater, seine Mutter, mehrere Prostituierte, ein Autohändler …

Schwarz, leer, öde: Bekanntermaßen ist die Studiobühne im Theater kein anheimelnder Ort. Aber so schwarz, so leer, so öde hat man den Raum selten gesehen. Am Anfang ist das Nichts: ein Keller für Kisten, Kohlen und Gerümpel bestenfalls. Kisten gibt es dann tatsächlich; Gemüsekisten, denn wir befinden uns im Kolonialwarenladen des Monsieur Ibrahim. Und im Wohnzimmer von Momo und seinem Vater. Und im Arbeitszimmer einer Prostituierten. Und in einem Autosalon. Auf den Straßen von Paris, in einer Kirche, in einer Moschee. In einem Hotelzimmer. Auf der Autobahn. Am Meer … Allesamt Stationen des 13-jährigen Momo, der seinen leiblichen Vater verliert und einen neuen Vater gewinnt, welcher in ihn das Samenkorn der Weisheit, Gelassenheit und Toleranz pflanzt.

Selten war das Nichts und die Leere, möbliert nur mit besagten Kisten, einem Ohrensessel und einer schirmberaubten Stehlampe, so fantasiebeflügelnd wie bei dieser Premiere eines weltbekannten Stückes: „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ oder besser: „…et les fleurs du Coran“ von Eric-Emmanuel Schmitt, denn der „dramatische Text“, so die Gattungsbezeichnung, wird auf Französisch gespielt. Ach was, gespielt – belebt wird er, erlebt und gelebt von François Camus, einem formidablen Schauspieler aus Paris, und zwar mit Worten, Taten, Gesten, Mimik und vielen Gesichtern. „Wir brauchten keine Dialoge, wir hatten Gesichter“, sagt der abgehalfterte Stummfilmstar Norma Desmond alias Gloria Swanson in Billy Wilders „Boulevard der Dämmerung“. François Camus ist in der beneidenswerten Lage, sowohl Wörter als auch Gesichter zu haben, viele Gesichter sogar: das erschrockene, verschmitzte, traurige und lustige des 13-jährigen Momo, das gütige, weise des alten Monsieur Ibrahim – ja, Camus altert tatsächlich im Handumdrehen um Jahrzehnte –, das strenge, undurchdringliche des Vaters, das verführerisch-laszive der Huren, das verschlossen-verunsicherte der Mutter, die sich nach Jahren der Abwesenheit wieder meldet, das herablassende eines Verkäufers, der Monsieur Ibrahim den Wagen verkauft, in dem er mit seinem jungen Schützling seine letzte Reise antritt. So viele unterschiedliche Menschen bevölkern die Bühne, auf der nur ein einziger Mann steht, der 50 Seiten Text fehlerfrei beherrscht und nicht ein einziges Mal ins Stocken gerät.

Zugegeben: Nicht jedes Wort, nicht jeden Satz versteht der Nicht-Native-Speaker bei dieser Vorstellung, die sprachlich bisweilen ein irrwitziges Tempo erreicht. Aber neben den Wörtern gibt es ja auch noch die Gesten: die selbstbewusste Haltung, die scheue Handbewegung, das Zögern, Zagen und Zaudern, das verlegene Nesteln am Hemdknopf, das verängstigte Wegducken vorm strengen Vater, das trotzige Aufbäumen und die bockige Verzweiflung, das verschämte Ziehen am Hosenbund, bevor es zur Hure aufs Zimmer geht, das Lächeln, mit dem man viel erfolgreicher durchs Leben kommt (jedenfalls meistens) – jede Figur erhält ihre ganz individuelle Mimik und Körpersprache. Camus ist nicht nur ein stimmliches Chamäleon, sondern auch ein wunderbarer Pantomime: ein Marcel Marceau, dem die Worte nicht fehlen.

Zu den Worten, den Gesten und den wenigen Requisiten kommt eine punktgenaue Licht- und Tonregie. Thomas Schilling ist verantwortlich für diese körperlosen Mitwirkenden, die das Spiel in kleine und kleinste „Szenen“ auflösen und gleichzeitig für Zusammenhalt sorgen und damit ebenso am Erfolg beteiligt wie Kim Langner, die als „Co-Regisseurin“ im Programmheft genannt wird. Die Premiere, auf den Vormittag gelegt, war überwiegend von Schülern besucht. Deren Beifall fiel am Ende allerdings viel zu zaghaft aus für das mitreißende Spiel, dem sie knapp 90 pausenlose Minuten beiwohnen konnten.

Karten an der Theaterkasse, Telefon 0651/7181818.

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