Premiere Hedwig (and the angry inch“) im Casino am Kornmarkt in Trier

Schauspiel : Schwuchteln, Stricher, Mannfrauen: Theaterstück „Hedwig“ feiert Premiere in Trier

Manuel Schmitt inszeniert, und Norman Stehr ist „Hedwig (and the angry inch“) im Casino am Kornmarkt in Trier.

Eine Schar schräger Vögel bevölkert das Casino am Kornmarkt: Transen, Crossdresser, Schwuchteln und Stricher, Mannfrauen und Fraumänner, Geschlechsmutierte und was es sonst noch alles so gibt im Leben jenseits von Otto Normalverbraucher. Hört sich schrill an, ist auch schrill, aber auch irgendwie tragisch, wenn man genauer hinschaut.

Doch erst mal, das muss sein, ein Exkurs in die griechische Mythologie, denn von dort nimmt alles seinen Anfang, genauer gesagt, bei Platons „Kugelmenschen“, jenen mythischen Wesen, die Mann, Frau und manchmal beides zusammen, androgyn eben, waren (steht auch alles im Programmheft, aber wer liest das schon?). Weil diese Kugelwesen eines Tages übermütig wurden und den Himmel erobern wollten, beschloss Zeus, sie per Blitzschlag voneinander zu trennen. Seitdem sind sie auf der Suche nach ihrer mehr oder weniger besseren Hälfte – die Geburtsstunde allen erotischen Begehrens und des ganzen Schlamassels, der da dran hängt.

Und schon sind wir in der Gegenwart, bei Hedwig eben, der mal Hansel hieß und sich nicht der Liebe wegen, sondern um der Freiheit willen geschlechtsumwandeln ließ, damit er als Frau eines GI das Gefängnis DDR verlassen konnte, die sich, zumindest Teile ihrer Bewohner, danach sehnte, mit dem Westen wiedervereinigt zu werden. Leider ging die OP  schief, die Ehe auch; und so endet Hedwig als trashige Dragqueen in dunklen Spelunken. Zuvor hatte sie sich in dem Trailerpark in der amerikanischen Provinz, in dem sie dahinvegetierte, einen Teenager als Loverboy dressiert und ihm nebenbei das Singen beigebracht. Als Tommy Gnosis macht dieser Knabe fortan Karriere – mit den Songs, die Hedwig für ihn geschrieben hat. Zum Dank dafür hat er sie komplett aus seinem Leben entfernt, das er von nun an als Rockstar und klerikaler Eiferer verbringt.

Und jetzt ist Hedwig in Trier gelandet, ein One-Night-Stand im Casino, vor knapp 100 Leuten, und wie es der schlimme Zufall will, tritt ihr Ex-Lover Tommy am selben Abend vor Tausenden Fans in der Arena auf. Da schwappen Wut und Empörung und Frust wie ein Tsunami über Hedwig hinweg, die sich all das in einer rockigen Show von der Seele singt – zusammen mit ihrer Band „Angry Inch“ – eine Anspielung auf jenes Zipfelchen Männlichkeit, das bei der unseligen Operation hängengeblieben ist und Hedwig fortan zwischen den Geschlechtern (lust-)wandeln lässt.

So weit der Inhalt der Show, die der Regisseur Manuel Schmitt für Trier bearbeitet hat und mit der er seinen Star zu Höchstleistungen anspornt, die dieser auch – meistens jedenfalls – mühelos bewältigt. Die Überraschung ist dann auch Norman Stehr in der Titelrolle. Wer den Schauspieler bisher in Trier auf der Bühne erlebt hat – stets ein wenig zurückhaltend, immer knapp unterhalb seiner Betriebstemperatur agierend –, dem fallen die Kinnlade nach unten und die Augen aus dem Kopf.

Stehr, der Zurückhaltende, der Unterkühlte, fast Gehemmte, dreht hier voll auf und haut den Zuschauern seine Kunst um die Ohren, dass es nur so funkt. Als Dragqueen in seinem billigen Fummel – eher ein Fümmelchen bei so wenig Stoff (die Ausstattung stammt von Yvonne Wallitzer) – hat er (s)eine Bombenrolle gefunden. Er tobt und tanzt über die Bühne und zwischen sowie auf den Tischen und verausgabt sich mit voller Bodypower, als ginge es um mehr als das Ganze. Dabei versickert zwar manche Textzeile in die Unverständlichkeit (was auch an den verzwickten techno-akustischen Verhältnissen im Casino liegen kann), aber die Stimme hält im Großen und Ganzen durch, egal, wie viel er ihr mit seiner Show zumutet.

Das gilt auch für Hedwigs Sidekick, Sybille Lambich, Gästin aus Köln (in Trier war sie bereits im Musical „Rent“ zu sehen). Sie spielt Hedwigs Ehemann Yitzhak, der gesangsmäßig auch so einiges auf der Latte hat, um im Jargon zu bleiben – sehr ernst, sehr unterkühlt, aber mit einem untergründigen, bisweilen hinterfotzigen Humor. Auf diese Weise gibt der Regisseur ihr genügend Gelegenheit, mehr als bloße Stichwortgeberin und Duettpartnerin von Hedwig zu sein. Und die Handvoll Songs, die ihr allein gehören, trägt sie mit Körper und Seele vor.

Unterstützt werden sie dabei von den „Angry Inches“ – Peter Kasper (Bass), Christoph Haupers (Gitarre) und Stefan Schoch (Schlagzeug) sowie, kostümmäßig inspiriert von der Kölner Band Brings (Ausstattung: Yvonne Wallitzer), Dean Wilmington als Leiter im Schottenrock, der mit seinen Musikern für eine „Superjeilezick“ im Casino sorgt.

Die bittere Pointe des Abends: Hätte Hedwig mit der verdammten OP noch ein paar Monate gewartet, wäre die Mauer sowieso gefallen und sie hätte noch alles, was sie zu einem guten Leben braucht. Aber dann hätte es eben auch dieses Musical nicht gegeben. Ist also schon gut so, wie es gekommen ist … zumindest für die Zuschauer.

Die nächsten Vorstellungen: 13., 15., 28., 29. Mai, 4. 12. Juni und 1. Juli; Karten unter Telefon 0651/718-1818.

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