Premiere in der Tuchfabrik Trier: Kulturlabor inszeniert Borchert

Theater : Das Porträt einer verlorenen Generation

Wolfgang Borcherts Schauspiel „Draußen vor der Tür“ mit dem „Kulturlabor“ Trier feierte in der Tuchfabrik Premiere.

Ein Soldat kehrt zurück aus der Kriegsgefangenschaft. Aber das ehemals heimische Hamburg ist eine Trümmerwüste – materiell und seelisch. Die Eltern sind tot. Zum beruflichen Wiedereinstieg, ja, zum primitivsten Weiterleben fehlt es. Alle Ideale sind dahin. Gott ist tot. Und es bleibt nur noch Tag für Tag und Nacht für Nacht das eigene, jämmerliche Dasein.

Wolfgang Borchert hat mit seinem Drama „Draußen vor der Tür“ in der unmittelbaren Nachkriegszeit einen Nerv getroffen. Er hat die Perspektivlosigkeit einer verlorenen Generation auf den Punkt gebracht – dramaturgisch gewiss nicht perfekt, aber mit einer ungemein farbigen, expressionistischen Sprache. Borchert moralisiert nie. Er schildert, statt zu werten und zu verurteilen. Und die Neuinszenierung mit dem Kulturlabor Trier macht das Vergangene und vielleicht Vergessene mit einem Mal brennend gegenwärtig. Mit dieser Produktion ist dem Kulturlabor Trier ein großer Wurf geglückt.

Regisseur Alexander Ourth operiert mit weit ausladenden Tüchern und einer ausgefeilten, computergestützten Lichtregie. Auf der Bühne dominieren die weichen, fließenden Linien. Doch in diese beinahe märchenhafte Umgebung setzen Stephan Vaneceks Kostüme harte, bisweilen schmerzliche Kontraste. Es ist das Ende aller Illusionen. Niemand glaubt mehr an die Zukunft.

Die Darsteller haben ihre Rollen zu kompromissloser, beklemmender Intensität verdichtet. Die Sprache ist perfekt, die Gestik äußerst differenziert. Gefühlsstärke und Präzision, persönliches Nachempfinden und darstellerische Professionalität kommen zusammen. Regie und Darstellung vermeiden überdies alle Schwarzweiß-Zeichnungen.

Auch Rollen wie der selbstherrliche Oberst (Alexander Ourth), der geschwätzige Theaterdirektor (Stephan Vanecek) oder Frau Kramer, deren Familie Beckmanns Zuhause bewohnt (Elke Reiter), behalten in ihrer satirischen Schärfe einen Rest an Humanität. Umgekehrt haben Figuren wie das vordergründig liebevolle und liebenswerte „Mädchen“ (Rebekka Michalek) oder Beckmann selber Teil an der großen Schuld, die auf allen lastet (weitere Akteure: Mario Schnitzler, Antonia Crames).

Grandios Sebastian Caspers Beckmann. Eine schauspielerische Glanztat, die einen einfach nicht mehr loslässt. Ohne zu forcieren, entfaltet er über 90 Minuten Hochspannung. Seine ausgedehnten Monologe ermüden und langweilen keinen Moment. Am Ende steht er allein auf der Bühne. Die positive Gegenfigur „Der Andere“ (in Trier ein Ensemble) hat sich aufgelöst. Und Beckmann ist wieder genau da, wo er angefangen hat. Das Drama dreht sich im Kreis. Ohne Auswege.

Die Schülerinnen und Schüler der Stufen 9 und 11 vom Trierer Spee-Gymnasium waren über die gesamte Distanz konzentriert, ja gebannt bei der Sache. Und als Alexander Ourth in einem anschließenden Gespräch zu Fragen einlud, da schält sich im Gespräch eine Einsicht heraus: Dieses Stück von 1947 ist auch im Jahr 2019 nicht veraltet. Überall und vielleicht häufiger als damals grassieren Gewalt, Armut, Hunger und Hoffnungslosigkeit. Wolfgang Borchert, der einen Tag vor der Uraufführung verstarb, erinnert mit „Draußen vor der Tür“ immer wieder an die humanitären Katastrophen dieser Welt.

Vorstellungen in der Tufa täglich vom 12. bis 15. März, vom 18. bis 20. März und am 25. März jeweils um 10 Uhr. Ein weiterer Termin am 19. März um 20 Uhr.

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