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Rammstein: Neuer Song „Zeit“: Plötzlich harmlos – genau zur richtigen Zeit

Musik-Neuveröffentlichung : Neuer Rammstein-Song „Zeit“: Plötzlich harmlos – genau zur richtigen Zeit

Rammstein ist wieder da. Auch wenn manche Kritiker händeringend danach suchen, bietet die neue Single „Zeit“ keinerlei Angriffsfläche. Die Band thematisiert auch den Krieg – und äußert sich unerwartet politisch.

Wenn Rammstein eine neue Single veröffentlicht, sind die direkt darauf folgenden Ereignisse meist gleich. Binnen Sekunden stürzen sich Menschen auf die Band. Skandal! Wie können die nur?! Das geht gar nicht! So geschehen 2019 bei „Deutschland“ (okay, sich als Promo-Move als kurz vor der Hinrichtung stehende KZ-Insassen präsentieren, das geht tatsächlich nicht) und 2009 bei „Ich tu dir weh“ (auch da kann man über Zeilen wie „Leg‘ dein Fleisch in Salz und Eiter, erst stirbst du doch dann lebst du weiter“ diskutieren).

Rammstein: Neuer Song „Zeit“ ohne Angriffsfläche

Und jetzt? Neuer Song (“Zeit“), kein Shitstorm. Die Rammstein-Nichtversteher im Netz sind beinahe stumm. Beinahe, denn zumindest eine große deutsche Zeitung mit vier Buchstaben titelt von einem Schock-Video, bezeichnet Rammstein als „blutige Geburtshelfer“ – und beschreibt damit perfekt, wo das Problem der Gesellschaft mit der Berliner Band liegt. Denn „Zeit“ ist für Rammstein-Verhältnisse alles andere als ein Schocker. Melancholisch zeigen die Rocker um Sänger Till Lindemann im Video Szenen, die aktueller kaum sein könnten: Soldaten im Wald, teilweise Kinder, alles im Stil des 20. Jahrhunderts gehalten. Dazu der Refrain: „Zeit, Bitte bleib stеh'n, bleib steh'n, Zeit, Das soll immer so weitergeh'n“. Bis jetzt nix gewesen, das nach einem Shitstorm ruft. Überraschend, aber der Zeit angemessen.

Denn, und das muss man Rammstein zugute halten, die Band scheint erkannt zu haben, dass auch für sie jetzt nicht die Zeit ist, auf Teufel komm raus zu provozieren, sondern auf Missstände aufmerksam zu machen. So äußern sich die Berliner, die sich eigentlich immer politisch unentschieden gaben, deutlich zum Krieg in der Ukraine. Auf ihrer Homepage schreiben sie auf Deutsch, Russisch und Ukrainisch, unter dem Bild ihres in blau-gelb getauchten Album-Logos zu „Liebe ist für alle da“: „Rammstein möchten ihre Unterstützung für das ukrainische Volk zum Ausdruck bringen, das sich gegen den schockierenden Angriff der russischen Regierung wehrt. Wir empfinden in diesem Moment besonders Trauer über das Leid der Ukrainer.“ Dass sich Sänger Till Lindemann kürzlich in Berlin für ukrainische Flüchtlinge engagierte, passt ins Bild.

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Was bleibt vom neuen Rammstein-Song hängen?

Es gibt im neuen Rammstein-Song nichts, worüber man sich aufregen könnte. Weder musikalisch (das Lied kommt sanft und melancholisch rüber), noch textlich (Beispiel: „Ich Liege Hier In Deinen Armen. Ach, Könnt Es Doch Für Immer Sein! Doch Die Zeit Kennt Kein Erbarmen. Schon Ist Der Moment Vorbei“ – klingt eher nach Johannes Oerding als Till Lindemann), noch im Video. Besonders bei Letztgenanntem wird das deutlich: Rammstein zeigen eine Szene, in der eine Frau ein Kind gebärt. Sehr deutlich, ohne Beschönigung. Und schaffen damit einen Angriffspunkt für die Öffentlichkeit, der keiner ist. „Blutige Geburtshelfer“ – kann man daraus machen, klar. Aber: Eine Geburt ist nun mal blutig. Was unterscheidet Rammstein also vom Weihnachtscover des SZ-Magazins, die ebenso eine Geburt zeigten (und auch da war der Aufschrei schon unverständlich). Rammstein bietet also keine Angriffsfläche.

Neues Rammstein-Album „Zeit“ erscheint am 29. April

Und genau das könnte das Problem sein. Denn: So sehr die Band in den vergangenen Jahren öffentlich an den Pranger gestellt wurde, war sie immer dann am erfolgreichsten, wenn es richtig skandalös wurde. Nicht umsonst gehören „Deutschland“ (wir sprachen darüber...) und „Pussy“ zu den erfolgreichsten Singles der Bandgeschichte. Denkt man an diese Songs, hat man entweder einen Skandal oder – im Idealfall – den Song im Kopf. Bei „Zeit“ bleibt wenig hängen, außer der fehlende Shitstorm. Aber vermutlich, so kennt man sie, wird die Band das bei Erscheinen ihres neuen Albums „Zeit“ am 29. April ändern.