1. Nachrichten
  2. Kultur

Retrospektive für den Bühnenbildner Gerd Friedrich in Mainz

Theater : Theatermachen bedeutet Mut zum Risiko

Das Zentrum Baukultur in Mainz widmet dem Bühnenbildner eine Retrospektive. Mit dem TV sprach er über seine Zeit in Trier.

Viele Trierer Theaterfreunde werden sich an ihn erinnern oder zumindest an seine Bühnenbilder. Etliche Male hat Gerd Friedrich den Raum für die Geschichten geschaffen, die oben auf der Bühne des Theaters Trier erzählt wurden, wie etwa für Lessings „Minna von Barnhelm“ oder die Orestie des Aischylos. Über 300 mal hat der 1944 geborene Wuppertaler, der heute im rheinhessischen Lonsheim lebt, als Bühnenbildner und Ausstatter für Schauspiel, Oper, Ballett und Musical international Ins­zenierungen mitgestaltet. Festengagements führten ihn ans Theater Basel, ebenso wie an die Staatstheater Wiesbaden und Kassel.

Der vielseitige Künstler arbeitete für die Ruhrfestspiele und ist Mitbegründer der Nibelungenfestspiele, deren Gründungsbühnenbild er schuf. Bis heute ist er für das von ihm mitbegründete Freie Schauspiel-Ensemble in Frankfurt tätig. Große Namen finden sich auf der Liste der Regisseure, mit denen Friedrich zusammenarbeitete, darunter Hansgünther Heyme, mit dem er nicht zuletzt die Lust am Experiment teilt.

Jetzt widmet das Zentrum Baukultur in Mainz dem vielfach ausgezeichneten Bühnenbildner eine Retrospektive mit dem Titel „Geschichten Raum geben“, die 50 Jahre seines Schaffens überblickt. Mit dem Trierischen Volksfreund sprach Gerd Friedrich vorab über seine Arbeit, das Theater und seine ersten Jahre dort. Die Eröffnungsrede zur Ausstellung hat der frühere Trierer Intendant Gerhard Weber übernommen

Wie kamen Sie zum Theater?

Gerd Friedrich Irgendwann war ich in meiner Jugend an einem Punkt angekommen, wo ich dachte „Jetzt muss ich doch etwas werden. (Lacht) Ich habe mich an verschiedenen Kunstakademien und Werkschulen beworben. In Köln habe ich dann eine Zusage bekommen und wollte zunächst Grafiker, werden, dann Industriedesigner. Schließlich habe ich freie Malerei und Bühnenbild studiert. Je länger ich studiert habe, umso mehr fand ich, dass die Bühnenbildnerei auf mich zugeschnitten ist.

Und wie ging es dann weiter?

Friedrich Wie viele Anfänger habe ich mir im Studium Dinge vorgestellt, die sich erstmal so im Theater nicht realisieren ließen. Ich hatte mich bei mehreren Theatern beworben, hätte nach Heidelberg gehen können, wo Hans Neuenfels Hausregisseur war (Neuenfels war am Theater Trier seinerzeit Dramaturg Anmerkung der Redaktion). Ich bin stattdessen an ein ganz kleines Theater, nach Dinslaken gegangen. Mein erstes Bühnenbild dort war ein Popartbild zu „Halbe Wahrheiten“ von Alan Ayckbourn, das war dann schon ein Skandal. Richtig gelernt habe ich Theater dann an einem kleinen Stadttheater, in Paderborn. Ein freies selbstbestimmtes Theater mit 30 Leuten inklusive Putzfrau. Das war sehr spannend, weil man sich dort um alles kümmern musste. Das war für mich der richtige Weg. Ich musste mich komplett mit dem Theater beschäftigen. Ich musste die Bühnenbilder selbst bauen, den LKW fahren, ich musste mitspielen und die Dramaturgie mitmachen. Dabei habe ich Theater gelernt, mit allem was dazu gehört.

Welche Bedeutung hat für Sie denn das Bühnenbild in einer Produktion?

Friedrich Das Bühnenbild ist eigentlich nichts und alles. Es geht ja nicht nur darum, Bilder zu entwerfen. Ich denke bei meiner Arbeit stets dramaturgisch. Das Thema meiner Mainzer Werkschau heißt deshalb ja auch „Geschichten Raum geben“. Als Bühnenbildner nehme ich jede Geschichte grundsätzlich sehr ernst. Und für diese Geschichte suche und gestalte ich den Raum. Dabei muss alles möglich sein. So schaffe ich eine eigene Wirklichkeit, unabhängig von realistischen Vorgaben. Dabei hängt meine Vorstellung von diesem neuen Raum natürlich eng damit zusammen, was ich über die Geschichte denke, die auf der Bühne erzählt wird.

Inhalt geht also vor Effekt?

Friedrich Wenn der Effekt im Vordergrund steht, brauche ich das Stück nicht.

Besteht in der Freiheit neue Vorstellungsräume und eine neue Wirklichkeit zu schaffen, nicht die Freiheit des Theaters an sich?

Friedrich Ja sicher, deshalb mache ich Theater. Ich hatte auch manchmal Filmangebote. Da geht es meist um Abbildung von Realität. Daran habe ich kein echtes Interesse.

René Pollesch, der Intendant der Berliner Volksbühne, hat neulich in einem Interview geäußert, bei ihm mache der Bühnenbildner sein Bild und danach hätten sich die anderen zu richten. Üblicherweise muss sich der Bühnenbildner auf die Ideenlage des Regisseurs einstellen. Wie sehen Sie das?

Friedrich Das ist auf jeden Fall sehr spannend. Es gibt Regisseure, die wissen ganz genau, wie ihr Bühnenbild werden soll. Eigentlich muss der Bühnenbildner das dann nur machen. Es gibt Kollegen, die so arbeiten. Für mich beginnt an der Stelle die Auseinandersetzung. Ich nehme sehr ernst, was der Regisseur mir erzählt. Aber ich lasse auch meine eigenen Gedanken darüber laufen. Und dabei kommt dann oft etwas völlig anderes heraus. Manche Regisseure sind davon begeistert. Andere nicht. Man muss sich dann solange aneinander reiben, bis es passt. Ich finde das sehr wichtig. Je weiter die Positionen auseinandergehen, umso interessanter kann das Ergebnis werden. Mit manchen Regisseuren ist man allerdings so verwachsen, dass man gar nicht mehr groß darüber reden muss, weil man schon sehr nah beieinander ist. Regisseure bei denen es mir so geht, sind zur Zeit Hansgünther Heyme, Reinhard Hinzpeter, oder auch der frühere Trierer Intendant Gerhard Weber. Das gibt in der Arbeit schon sehr große Freiheiten. Natürlich kann man auch scheitern.

Braucht es überhaupt Hierarchien beim Theater? Die sind ja sehr ins Gerede gekommne.

Friedrich Man braucht Autoritäten. Autorität habe ich nicht dadurch, dass ich Macht habe, sondern dass ich als Autorität überzeuge. Hierarchien sind notwendig. Aber jemanden über mir, der mich duckt, den brauche ich nicht. Man soll mich gern jederzeit kritisieren, aber dann muss ich auch die persönliche Kraft haben, überzeugend meine Meinung zu vertreten. Im übrigen geht es im Theater nicht ums, „Ich mache“, sondern um „Wir machen“. Das ist für mich ganz entscheidend und eine Grundvoraussetzung für Theater. Die ganzen Hierarchie-Diskussionen kann man sich dann schenken.

Gibt es ein Bühnenbild, an das Sie sich besonders gern erinnern?

Friedrich In Nürnberg habe ich mit Hansjörg Utzerath die erste Aufführung von „Jud Süß“ gemacht, eine meiner wichtigsten Arbeiten. Wir wurden damit von August Everding nach München eingeladen. Es gab für mich mehrere Nennungen zum „Bühnenbildner des Jahres“ bei der Zeitschrift Theater Heute.

Welche Erinnerungen haben Sie an das Trierer Theater?

Friedrich Schade, dass es nur Erinnerung ist. Ich habe mich da total wohl gefühlt. Das hatte mit dem Betriebsklima dort zu tun. Besonders weil ich dort ganz tolle technische Möglichkeiten hatte. Mein wichtigstes Bühnenbild war das zu „Minna von Barnhelm“ und das war für Werkstätten und Bühne schon eine echte Herausforderung.

Wie viele Bühnenbildner arbeiten auch Sie als Regisseur. Wie wichtig ist das für Sie?

Friedrich Wenn ich nicht Regie führen könnte, sollte ich auch keine Bühnenbilder bauen. Ich muss einfach auf das reagieren, was da auf der Bühne passiert. Und so habe ich dann mitunter selbst Regie geführt. Oft hatte ich das Glück, sehr gute Schauspieler zu haben und habe gemerkt, dass ich manchmal auch Schauspieler begeistern kann. Sonst kann man es ohnehin lassen. Ich muss wissen, wie das Stück in dem Bühnenbild werden soll, das ich dafür baue.

Sie sprachen eben vom Mut der Theater in Ihren Anfangsjahren. Finden Sie, dass die Theater heute auch noch Mut haben?

Friedrich Klar gibt es Theater, die immer noch Mut haben, aber die haben es schwer. Ich glaube, dass der normale Theaterbetrieb sich inzwischen doch schon sehr stark daran orientiert, was laufen wird. Man vermeidet Konflikte aus Angst, dass es kein Geld mehr geben könnte. In den 1970er und 1980er Jahren hat man weniger darüber nachgedacht, ob ein Stück gut läuft oder ob das Abonnement zufrieden ist. Es ging nur darum, ob etwas gut war. Wir haben zwar verstanden, dass das für den Intendanten ein Problem werden könnte, aber das hat irgendwie keine Rolle gespielt. Es gab ja auch sehr mutige Intendanten, zum Beispiel Hansgünther Heyme. Wobei es dem immer darum ging, den Zuschauer zu erreichen und zu fesseln.

Welche Rolle spielt denn für sie der Zuschauer?

Friedrich Ich will den Zuschauer weder langweilen noch mit erhobenem Zeigefinger kommen. Theater hat viele Aufgaben. Und dabei gibt es eben auch den Anspruch auf ein hohes künstlerisches und intellektuelles Niveau. Theater soll unterhalten, aber es darf auch neugierig auf Bildung und Auseinandersetzung machen. Ich fände schön, wenn Inszenierung und Bühnenbild es schaffen, den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen. Das will ich mit meinen Mitteln versuchen. Das kann auch schiefgehen. Theater ist nun mal Risiko. Aber wir müssen den Mut zu diesem Risiko haben. Es kann auch sein, dass man dabei untergeht. Wenn es niemand mehr interessiert, was wir machen, ist das der Untergang. Aber wenn es im Theater nur darum geht, dass möglichst viele Prozent sagen „das hat mir gefallen“, dann muss man auch mit dem Theater aufhören. Dann würde ich es vorziehen, dieses Theater zu verlassen, um unter bescheidensten Bedingungen das Theater zu machen, das aus meinem Herzen kommt. Nur, auf das Theater als Kulturinstitut ganz zu verzichten, wäre allerdings schrecklich.

Die Ausstellung „Geschichten Raum geben“ wird am Donnerstag, 9. September eröffnet und endet am Freitag, 1. Oktober. Zu sehen ist sie mittwochs bis freitags zwischen 14 und 18 Uhr im „Zentrum Baukultur“ in Mainz. Weitere Informationen unter www.zentrumbaukultur.de