Rezension Johannes Nestroy, „Über dem Meer – Die Rose des Antoine de Saint-Exupéry“

Bücher : Der letzte Flug in die Unsterblichkeit

In seinem Roman „Südkurier“ nimmt Antoine de Saint-Exupéry auf prophetische Weise sein eigenes Schicksal vorweg: Sein Protagonist ist ein Postflieger, der nach Dakar unterwegs ist, wo er jedoch nie ankommt.

In Mauretanien stößt ein Suchtrupp schließlich auf seine Leiche.

Ein so eindeutiges Ende hat der Autor und Pilot Saint-Exupéry nicht gefunden; sein letzter Flug endete am 31. Juli 1944 über dem Mittelmeer. Erst 54 Jahre später wurde ein erstes Indiz gefunden, das Hinweise auf die genaue Absturzstelle erlaubt; zwei Jahre später, im Jahr 2000, entdeckte ein Taucher Teile der Maschine auf dem Grund des Mittelmeers in der Nähe der Riou-Inseln in der Bucht von Marseille.

Wenn die Fakten im Ungefähren bleiben – und die genauen Umstände des Absturzes sind bis heute nicht geklärt –, schlägt die Stunde der Legendenbildung. Was genau Saint-Exupéry bewogen hat, auf seinem letzten Flug, der ihn nach Grenoble führen sollte, die vorgeschriebene Route zu verlassen, bleibt im Reich der Spekulationen. Und damit als  Möglichkeit, Geschichten um diese mysteriöse Exkursion zu spinnen.

Johannes Nestroy, 1958 in Wien geboren und wohl nicht verwandt mit dem Johann gleichen Namens, nimmt einen bislang unveröffentlichten Briefwechsel zwischen dem Autor und seiner Geliebten und Gönnerin Hélène (Nelly) de Vogüé (1908 – 2003), zur Vorlage, um diesen letzten Flug als Rettungsflug für ein von den Nazis verfolgten Paar – in der Novelle heißen sie Jean und Léa – umzudeuten. Unterbrochen werden diese letzten halb-fiktiven Stunden im Leben Saint-Exupérys von Rückblenden und Erinnerungen, die zurückgehen bis in seine Kindheit, in der die Liebe zu und Faszination für die „Aeromobile“, wie der Großvater die fliegenden Geräte nennt, bereits einen festen Platz im Leben des Jungen einnehmen.

„Über dem Meer“ ist eine Novelle im Konjunktiv: Das, was Nestroy beschreibt, könnte sich tatsächlich so ereignet haben. Die Freiheit der Fiktion kennt keine Grenzen. Philosophische Betrachtungen, aus der Einsamkeit im Cockpit hoch über der Erde geboren, wechseln mit biografischen Fixpunkten sowie Zitaten aus dem Briefwechsel. In einem davon formuliert Saint-Exupéry einen Satz aus dem Buch, das ihn unsterblich machen sollte: „Den uns wertvollen Dingen in unserem Leben müssen wir uns mit der Seele nähern.“

Daraus wird zwei Jahre später, 1943: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Auf den „Kleinen Prinzen“ verweist übrigens auch der Untertitel von Nestroys Erzählung: Mit der Rose des Saint-Exupéry ist seine Geliebte Nelly gemeint – und nicht seine Frau Consuelo Suncín Sandoval, die er 1931 heiratete.   

Und dies ist das Szenario, das Nestroy sich für die letzten Sekunden eines realen und zweier fiktiver Menschen ausdenkt: „Das Glas der Kanzel zerbirst unter einer MG-Garbe (eines deutschen Jagdfliegers) … Augenblicklich kippt das Flugzeug um neunzig Grad nach Steuerbord, beginnt wie einer seiner Propeller um eine waagerechte Achse zu rotieren und versinkt danach mit zischenden Triebwerken im fast unbewegten Meer.“ Rainer Nolden

Johannes Nestroy, „Über dem Meer – Die Rose des Antoine de Saint-Exupéry“, Verlag Braumüller, 120 Seiten, 18 Euro.

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