Rezension von Sabine Ganz zu Kent Haruf: Abendrot

Aufgeschlagen : Über die Sehnsucht des Menschen nach Zuwendung

Unspektakulär und von emotionaler Bedürftigkeit geprägt ist das Leben der Einwohner der fiktiven Kleinstadt Holt, irgendwo in der Prärie von Colorado – so wie das Leben der meisten Menschen.

An diesen Ort entführt den Leser der 2014 verstorbene US-amerikanische Autor Kent Haruf in allen seinen sechs Romanen. Erstmals in deutscher Sprache erschienen ist jetzt der Band „Abendrot“.

Die Lektüre offenbart rasch, dass der Autor bei seinen detailverliebten Schilderungen des Alltagslebens der Menschen in Holt, ihrer Nöte, Sorgen und Beziehungen untereinander, eine allem übergeordnete Wahrheit im Blick hat: Der Mensch ist auf ein mitfühlendes Gegenüber angewiesen.

Besonderes Glück im Unglück hat deshalb die Romanfigur Raymond, ein alternder, gutmütiger Rinderzüchter, der mit seinem Bruder Harold zurückgezogen auf einer Farm nahe Holt lebt. Sein Schicksal steht im Zentrum des Romans. Die beiden Junggesellen Raymond und Harold haben die 19 Jahre alte Victoria bei sich aufgenommen, deren Familie sie wegen ihrer Schwangerschaft verstoßen hatte. Mit großer Herzenswärme kümmern sich die beiden Farmer um das Mädchen und dessen Töchterchen Katie. Nachdem Victoria mit ihrem Kind zum Studieren fortgezogen ist, haben sich die Männer gerade wieder in ihrer Einsamkeit eingenistet, als Harold von einem wild gewordenen Stier getötet wird. Raymond ist jetzt „einsamer, als er je in seinem Leben gewesen war“. Der Lehrer Guthrie, der von seiner depressiven Ehefrau verlassen wurde und mit zwei kleinen Söhnen sein Leben bewältigen muss, und dessen Freundin, die Lehrerin Maggie, machen Raymond mit der Sozialarbeiterin Rose bekannt. Raymond lernt zum ersten Mal in seinem Leben die Liebe einer Frau kennen. Rose leidet unter den Schicksalen, die ihr im Beruf begegnen. So betreut sie etwa Betty und Luther, die mit ihren beiden Kindern in einem Wohnwagen hausen und von Sozialhilfe leben. Obwohl die beiden sich aneinander festhalten können und ihren Kindern mit Liebe begegnen, versagen sie als Eltern – auch weil sie nicht in der Lage sind zu verhindern, dass Bettys krimineller und alkoholabhängiger Onkel Hoyt den Jungen und das Mädchen körperlich misshandelt.

 In der Begegnung der beiden Elfjährigen DJ und Dena geht es ebenfalls um die Sehnsucht nach einem Gegenüber. Die beiden Kinder haben sich in einem alten Schuppen einen Unterschlupf eingerichtet, in dem sie sich ihre Geheimnisse anvertrauen. Nach dem Tod seiner Eltern lebt DJ mit seinem kranken Großvater zusammen, dem er eine Stütze ist. Denas Vater hat eine neue Liebe in Alaska gefunden und die Mutter ertränkt ihr Leid in Alkohol.

Nicht allen Figuren des Romans ist es wie Rinderzüchter Raymond vergönnt, einen Vertrauten zu finden für die Zeit, wenn nach dem „Abendrot“ in ihrem Leben die Nacht kommt: sie das Alter oder Schicksalsschläge meistern müssen.

Kent Harufs Roman „Abendrot“ ist eine berührende Lektüre. Denn das Menschliche ist nirgendwo anders als in Holt. Der Leser trifft in den geschilderten Lebensgeschichten auf sich selbst: auf das ureigenste Bedürfnis jedes Menschen, Fürsorge zu erfahren und der Einsamkeit zu entfliehen.

Sabine Ganz

Kent Haruf: Abendrot, Diogenes Verlag 2019, Hardcover, 416 Seiten, 24 Euro.

Mehr von Volksfreund