Roberto Scafatis Tanztheaterstück „Die Reise in die Hoffnung“ in Trier uraufgeführt.

Tanztheater : Leben heißt aufbrechen

Im Theater Trier wurde Roberto Scafatis neues Tanztheaterstück „Die Reise in die Hoffnung“ uraufgeführt.

  Zur Uraufführung von Roberto Scafatis Tanztheaterstück  „Die Reise in die Hoffnung“  wurden die erwartungsfrohen Theaterbesucher am Samstag in Trier unversehens zu Bauherren. Gleich eingangs war den Premierengästen ein Bastelbogen für Papierhäuser ausgehändigt worden. Als  ein Heer kleiner Modelle vom Traum eines Hauses, das ein Zuhause wird, standen die weißen Häuschen am Bühnenrand, bevor sich der Vorhang hob. Ein wenig erinnerte die fragile Häuseransammlung an die weißen Papierflotten, die in Japan zu Neujahr mit Wünschen aller Art  zu Wasser gelassen werden.

Von Wünschen und Sehnsüchten, vom Aufbrechen  mit dem Ziel, irgendwo heimzukommen, handelt die jüngste Tanztheaterproduktion des Hauses. Um es gleich vorab zu sagen: Einer der Stars der Produktion ist Yoko Seyama  mit ihrer hinreißenden Kunst als Bühnenbildnerin, der sich auch das Häusermeer verdankt. Für das Tanzstück hat die japanische Szenografin einen schwarzen leeren Bühnenraum geschaffen, in dem das Licht zum Visionär wird, der berühmte Lichtstreifen am Horizont auftaucht und der Himmel voller Geigen, soll heißen Papierhäuschen, hängt. Eines der stärksten Bilder: Wenn die Tänzer als eine Fläche aus Körpern  sehnsuchtsvoll unter diesem Himmel liegen. Eine Black Box der Seele ist die nachtschwarze Bühne, in dem sich die Gefühle fangen, gleichermaßen Hoffnungen wie Aggressionen ausgelebt werden und  in dem Einsamkeit und Vereinzelung schonungslos  als Körpersprache sichtbar werden.

Rosa Ana Chanzas  schlichte graue Kostüme (neben einigen schwarzen)  fokussieren darin das Geschehen auf Körper- und Bewegungssprache. Einzig die langen Mäntel zu Beginn und zum Ende berichten davon, dass es hier um Aufbruch und Wanderschaft als lebenslange Herausforderung geht. Aufbruch, Flucht,  Verlust wie Verortung von Heimat sind dieser Tage hochaktuelle Themen.

Gleichwohl erzählt Scafati weder eine Fluchtgeschichte noch einen Heimatroman, auch wenn in der eigens für die Produktion komponierten Musik  von Flavio Pescosolido immer wieder orientalische Klänge von einem nie endenden Heimweh berichten und Trierer Schüler mit Migrationshintergrund der Berufsbildenden Schule Gestaltung und Technik in ihren Muttersprachen ihre Wünsche als Wortklänge formulieren. Scafati widersetzt sich wohltuend dem Mainstream modischer Thematik. Stattdessen lenkt er den Blick auf Aufbruch und Suche als existenzielle Grundbedingungen des Lebens  und Ausweis des modernen Menschen. Wünsche und  Hoffnungen  sind dabei Antrieb und lebenswichtige Impulsgeber. Dazu hat der Choreograph eine temporeiche Bilderfolge geschaffen, in der sich die Zeichensprache des klassisches Balletts mit den Ausdrucksmitteln  des modernen Tanztheaters verbinden.

Scafati versteht sich auf die Lyrik der Bewegung, die er ausdrucksstark aus der Dynamik der Musik und ihren Stimmungen entwickelt. Bisweilen erreicht das Wechselspiel von Verdichtung im Gruppenbild und szenischer Auflösung symphonische Qualität. Scafatis fabelhafte, geschmeidige Tänzer sind Wanderer zwischen den Welten, in deren raumgreifende Bewegungen und veräußerten Energien Seelenzustände Gestalt erhalten bis hin zur skulpturalen Anmutung. Ihre Körpersprache lässt den Bühnenraum  zum Spannungsfeld werden, in dem Bedürfnisse des Individuums nach Glück und Geborgenheit auf die Verwerfungen der Gesellschaft prallen wie soziale Kälte, Narzissmus, Gier und Gewalt.

Das Tanzstück lässt sich durchaus als Bilderfolge eines klassischen Entwicklungsromans lesen, in dem Aufbruch und Reise Bedingung der Selbstfindung sind. Auf diesem Weg zu sich selbst trägt jeder die eigene zerbrechliche Heimat in sich. Auch das legen die Papierhäuschen nahe. Der Choreograph entlässt sein Publikum nicht ohne berechtigte Hoffnung auf eine erfolgreiche Reise, wie die triumphale Geste der Tänzerinnen zeigt oder die zum Schluss zur Treppe hochgefahrene Bühne, deren Stufen die Tänzer mit wehendem Mantel wie Gipfelstürmer erklimmen. Das mag ein wenig plakativ wirken. Aber schließlich soll es  ja auf dieser Lebensreise am Ende für jeden bergauf gehen. Stürmischer anhaltender  Beifall  im vollen Großen Haus.

Weitere Aufführungen am 5. und  16. April, 17. Mai und 5. Juni jeweils um 19.30 Uhr und am 24. März um 16 Uhr.

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