| 16:46 Uhr

Nürburgring
Ein Wochenende, an dem fast alles stimmt

Casper bei Rock am Ring
Casper bei Rock am Ring FOTO: TV / Jasmin Wagner
Nürburgring. Ein bunter Mix auf drei Bühnen, ein spektakulärer Auftritt der Brit-Rocker Muse und ein Rapper mit Herz für seine Feinde: So war das Musikprogramm bei Rock am Ring.
Andreas Feichtner

Das Thema ist so alt wie Rock am Ring, 33 Jahre. Wenn das Wetter mal zum Glück nicht das beherrschende Thema ist, an den Festivaltagen kein Regen und kein Hauch von Terror weit und breit, dann ist zumindest die Rock-oder-nicht-Rock-Diskussion nicht weit. Einst befeuert von Bedenken- und Kuttenträgern vor der Bühne, heute gern auch in den mehr oder weniger sozialen Medien. „Aus Rock am Ring wird echt noch Rap am Ring. Finde es traurig, dass unsere geliebten Rocker und Metaller die Bühne mit so einem teilen müssen“, so jammerte ein Rock-Bewahrer bei Facebook vor dem Ring-Auftritt von Casper – und genau dieser Spruch landete auf dem offiziellen Festival-Merchandising des deutschen Rappers, der am Freitagabend auf der Hauptbühne spielte. Auf 200 T-Shirts unters Volk gebracht: ein liebevoller Wink mit dem Mittelfinger an die Hater. Als Beweis dafür, dass der Spruch außer Ignoranz nichts zu bieten hat, wurde Casper von Rock- und Hip-Hop-Fans gleichermaßen gefeiert. Die Genre-Gräben sind zumindest nicht mehr so tief, wie sie mal waren. Zumal auch die Hip-Hop-Acts auf der Alternastage in der Eifel teilweise mit Rockband auftreten: Rapper Bausa, der mit „Was du Liebe nennst“ wochenlang die Charts dominiert hat, beginnt seine Show mit einem Cover von Metallicas „Enter Sandman“. Noch überzeugender war zuvor aber der Auftritt der Antilopen Gang, die es schafft, sich einerseits über das Dosenbier-sedierte Ring-Publikum lustig zu machen und die andererseits mit politischen Tracks wie „Der goldene Presslufthammer“ oder „Beate Zschäpe hört U2“ für Partystimmung sorgt.

Der ziemlich breite Musik-Mix ist dabei eine ausgewiesene Stärke von Rock am Ring. Das Gros der Bands ist wie gehabt im Rock oder Metal verwurzelt – aber auch elektronische Acts wie Vitalic oder Bloody Beetroots passen ins Konzept. Und auch wenn in diesem Jahr die Zuschauerzahl deutlich niedriger lag als in den vergangenen Jahren (70 000 statt über 85 000), so muss man das nicht als Indiz dafür werten, dass es mit dem Festival abwärts gehen könnte. Nach den schweren Zeiten mit den Unwettern 2015 und 2016 (damals in Mendig) und der Terrorwarnung 2017 wird die 2018er Auflage als angenehm entspannt in Erinnerung bleiben.

Mit einigen Höhepunkten: So liefern die britischen Alternative-Rocker von Muse als Headliner am Samstagabend den Beweis, dass man auch ohne große Publikumsanimationen Zehntausende komplett im Griff haben kann: Perfekter Sound, herausragende Musiker und eine tolle Lichtshow – ein absolutes Erlebnis und ein Höhepunkt des Wochenendes. Da kamanen die Indierocker von Snow Patrol zwar zuvor nicht ran – aber auch die Band um Gary Lightbody hatte viele gute Momente. Am Freitag hatte an gleicher Stelle Thirty Seconds to Mars gespielt. Sänger (und Schauspieler) Jared Leto, der mit wallendem Haar und weitem Gewand als Jesus-Wiedergänger rüberkam, nahm sich gleich mehrere Fans auf die Bühne – darunter auch einen Trierer.

Metallischer ging es am Samstag auf der Crater-Stage zu, der zweitgrößten der drei Bühnen. Rapper Ice-T hat mit seiner Band Body Count schon vor über einem Vierteljahrhundert Hip Hop mit Metalriffs kombiniert – und auch er war damals nicht der erste. Der Kampf gegen den Rassismus treibt ihn auch mit knapp 60 noch an. Musikalisch hat sich seit dem ersten Album von 1992 zwar von „Cop Killer“ bis „Manslaughter“ wenig verändert, Klischees gehören zum Konzept, aber das macht nichts. Unterhalt­sam ist die Show trotzdem – und familiär: Ice-Ts älterer Sohn steht mit auf der Bühne, seine Lebensgefährtin -– ein früheres Erotik-Model – schaut vom Bühnenrand zu. Und dass die zweijährige Tochter der beiden bei „Talk shit, get shot“ auf der Bühne den Refrain mitsingen darf, ist pädagogisch zumindest interessant.

Metal in allen Spielarten gehört bei Rock am Ring ohnehin fest zum Inventar. Wie die Essener Thrash-Klassiker Kreator, Bands mit Metalcore-Anleihen wie Parkway Drive oder Bullet for My Valentine oder die gelegentlich an Linkin Park erinnernden Hollywood Undead. Stimmlich nicht sonderlich überzeugend war dagegen der nächtliche Auftritt von Marilyn Manson. Am Sonntagabend standen noch die Foo Fighters und zum Abschluss die Gorillaz auf dem Programm.

Muse bei Rock am Ring
Muse bei Rock am Ring FOTO: TV / Sebastian Klipp
Snow Patrol
Snow Patrol FOTO: TV / Jasmin Wagner
Stone Sour bei Rock am Ring
Stone Sour bei Rock am Ring FOTO: TV / Jasmin Wagner