| 17:05 Uhr

Theater Trier
Inszenieren als Schichtarbeit

 Robin Jentys und Anna Pircher schlüpfen in die Rollen von Romeo und Julia.
Robin Jentys und Anna Pircher schlüpfen in die Rollen von Romeo und Julia. FOTO: Theater Trier
Der britische Regisseur Ryan McBride bringt „Romeo und Julia“ seines Landsmanns William Shakespeare ans Theater Trier. Von Dr. Rainer Nolden

Trier Jetzt hat die MeToo-Debatte auch William Shakespeare erwischt. Zumindest irgendwie gewissermaßen. Sex mit nicht mal vierzehn, selbst wenn er einvernehmlich ist, käme derzeit nicht so gut an, meint der britische Regisseur Ryan ­McBride, der in diesen Tagen die berühmteste Liebesgeschichte der Welt für das Theater Trier einrichtet. Julia ist, im Original jedenfalls, noch dreizehn, als sie mit ihrem Romeo, der nicht viel älter ist – die Anzahl seiner exakten Lebensjahre verschweigt der Autor geflissentlich – in die Kiste hüpfen will. In Amerika, doch das nur am Rande, müssen bis heute bei Aufführungen gewisse Stellen im Stück gestrichen beziehungsweise umgeändert werden.

Aber wir sind ja in Trier, da ist man nicht so verklemmt wie in den USA. Trotzdem ist McBride auf Nummer sicher gegangen und hat Julia um zwei Jahre altern lassen: Mit sechzehn hat man schon Träume, die nicht mehr ganz so verwerflich erscheinen. Und da darf es dann, 1. Akt, 5. Szene, schon nach vierzehn Zeilen zur Sache gehen: Gerade einmal so lange kennen sich Romeo und Julia, als es zum ersten Kuss kommt. Was das angeht, scheint Fräulein Capulet nicht unerfahren zu sein; immerhin macht sie ihrem neuen Freund ein Kompliment: „Sie küssen so mit Kunst!“ Einmal angefixt, kann sie es dann kaum erwarten, mit ihm die Nacht zu verbringen. Woraus sie auch in der zweiten Szene des dritten Aktes kein Hehl macht. Aber da hat das Unheil seinen Lauf bereits bis fast zum Ende genommen.

Abgesehen von der (vielleicht gar nicht so) unschuldigen Liebelei ist „Romeo und Julia“, diese scheinbar weltentrückte Amour fou unter Minderjährigen, das Shakespeare-Stück mit den meisten Verbalferkeleien. Und so, meint McBride, redeten Teenager nun mal. Da unterschieden sich die heutigen Halbwüchsigen kaum von Mercutio, Romeos bestem Freund, dessen Sätze von Zweideutigkeiten nur so strotzen. Beispiel gefällig? „Die schwere Last der Liebe stößt mich um“, jammert Romeo. Sein Kumpel kontert: „Um sie zu stoßen, musst du auf ihr lasten…“. Nun ja, vielleicht ein bisschen poetischer als heutige Teenager, gibt McBride zu. Doch die Obszönität spiele eine wichtige Rolle, wie der Shakespeare-Übersetzer Frank Günther schreibt: „Der Praktiker Shakespeare wusste: Nichts wirkt fader als durchgehend empfindsames Gesäusel.“

„Deshalb fragen wir uns bei der Arbeit auch oft: Was hat Frank an dieser Stelle gesagt?“, erzählt ­McBride. Er fragt es allerdings auf Englisch, denn sein Deutsch, so gesteht er, sei auf dem Niveau eines „toddlers“, eines Kleinkinds. Was ihn nicht davon abgehalten hat, schon öfter an deutschen Theatern zu arbeiten. Vor allem in Stuttgart hat er inszeniert, Wedekinds „Frühlings Erwachen”, Arthur Millers „Hexenjagd“, „1984” nach George Orwell, für das er 2015 mit dem Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet wurde. Und sogar an den hat er sich herangetraut; 2017 brachte er, ebenfalls in Stuttgart, das deutscheste aller Dramen auf die Bühne.

Wie inszeniert man in einer Sprache, die man nur unzulänglich beherrscht? Wie kann man alle Nuancen und Feinheiten eines komplexen Textes, wie es die Schlegel-Übersetzung nun mal ist, in die eigene und die Vorstellung auf der Bühne integrieren? Und vor allem: Wie erkennt man, dass das, was man als Regisseur will, auch tatsächlich von den Schauspielern umgesetzt wird? „Ich arbeite mit einer zweisprachigen Textausgabe; weiß also genau, was gerade gesagt wird“, erklärt ­McBride. Den vermeintlichen Nachteil des Nicht-Verstehens münzt er dabei in einen Vorteil um: „Manchmal werden die Schauspieler von Shakespeares Poesie mitgerissen – zulasten der Klarheit des Textes“, erklärt der Regisseur. „Meine Technik besteht darin, sofort wieder zurück zum Ursprungstext zu gehen, ihn auseinanderzupflücken, jeden Gedanken für sich zu betrachten und die Logik herauszuarbeiten. Sagt der deutsche Text genau das Gleiche wie der englische? Und wenn nicht, wie kriegen wir das hin? Es ist ein bisschen anstrengend“, gibt er zu, „auch für die Schauspieler. Aber auf diese Weise können wir am besten herausfinden, was Shakespeare eigentlich gemeint hat.“ Und so zerlegt der Regisseur gemeinsam mit seinen Akteuren den Text schichtweise – und baut ihn Schicht für Schicht zu einem Ganzen wieder auf.

Und jedes Mal ein Erfolgserlebnis für Ryan McBride ist es, wenn seine Schauspieler nach erfolgter Erklärung, Textanalyse und Verstehen Einsicht signalisieren. Wobei da anfangs auch ein Missverstehen seitens des Regisseurs erst einmal aus dem Weg geräumt werden musste. „Was sagen die da?“, berichtet der Theatermann schmunzelnd von den ersten Probenerfahrungen. „Haben die mich gerade beschimpft? Mich ‚asshole‘ genannt?“ Hatten sie aber nicht. Sie hatten einfach nur „Ach so“ gesagt.

Premiere ist am Samstag, 23. März, 19.30 Uhr, im Großen Haus. Online auf www.theater-trier.de, unter 0651/718-1818 oder an der Theaterkasse gibt es noch wenige Restkarten. Für die kommenden Veranstaltungen etwa am 30. März und 7. April sind noch Tickets verfügbar.