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Russische Schwermut trifft italienische Leichtigkeit

Literatur : Russische Schwermut trifft auf italienische Leichtigkeit

Russische Schwermut trifft italienische Leichtigkeit

Venedig als die Jahrhunderte übergreifender Sehnsuchtsort war ein Traumziel auch des vielgereisten Fjodor M. Dostojewski. Der russische Schriftsteller (1821 – 1881) war im Westen Europas noch ein unbeschriebenes Blatt, als ihn ab den 1860er Jahren mehrere Reisen, unter anderem über Berlin, London, Paris, Dresden, Wiesbaden und Baden-Baden, auch in die Lagunenstadt führten. Auf seinen ziellosen Wanderungen über Plätze und durch schmale Gassen, die alle an Kanälen zu enden scheinen, trifft der stets in schwere Gedanken versunkene Dichter eines Abends auf eine ausgelassen feiernde Gesellschaft, deren Mittelpunkt der schwergewichtige Gastgeber ist. Der Tourist aus dem Osten wird sofort an den Tisch gebeten – und fällt aus allen düsteren Wolken, als er erfährt, dass der lebenslustige Schlemmer der von ihm seit seiner Jugend bewunderte Giacchino Rossini ist.

Eine Begegnung, die durchaus im Bereich des Möglichen liegt, lebte der Komponist doch von 1792 bis 1868. Ob der rund 30 Jahre ältere Musiker und der Schriftsteller einander tatsächlich getroffen haben, ist äußerst unwahrscheinlich; Dostojewski hätte es sich gewiss nicht nehmen lassen, eine solche Begegnung literarisch zu verarbeiten. Das übernimmt nun für ihn rund 150 Jahre später der österreichische Schriftsteller und Schauspieler Michael Dangl, und da es keine belastbaren Dokumente über dieses fünftägige Zusammensein gibt, kann er seiner Fantasie freien Lauf lassen und braucht bloß hier und dort einen Pflock einzuschlagen, an denen er ein paar Fakten festzurrt – etwa Dostojewskis Haft in sibirischer Verbannung, seine komplizierten Beziehungen zu Frauen, seine Epilepsie und die Spielsucht, die ihn ein paar Mal an den Rand des Ruins treibt. Selbst in Venedig gelingt es ihm, ein illegales Casino aufzutreiben und den Vorschuss, der Rossini ihm zahlt, auf den Kopf zu hauen..

Ein Vorschuss von Rossini? Ja, das ist Dangls blitzender Einfall, um der Kurzbeziehung einen erzählerischen Kniff zu geben: Der Komponist, der seit mehr als vierzig Jahren, seit seinem „Wilhelm Tell“ 1829, nichts mehr veröffentlicht hat, schlägt dem Dichter vor, das Libretto für seine letzte Oper zu schreiben. Im Mittelpunkt soll Casanova stehen, wie Rossini ein Genießer fleischlicher Gelüste, wenn auch weniger in kulinarischer Hinsicht. Dostojewski überlegt tatsächlich, mit dem Meister zusammenzuarbeiten, wären dann doch seine finanziellen Probleme mit einem Schlag gelöst und er umgehend populär auch im Rest der Welt geworden.

Wie Dostojewskis Entscheidung ausfällt, ist in jedem Opernführer nachzulesen beziehungsweise nicht nachzulesen: Es gibt keine Casanova-Oper des Autorengespanns Rossini/Dostojewski. Ein jeder zieht am Ende des Romans seines Weges: der Schriftsteller zurück in die Heimat, der Komponist nach Paris.

„Orangen für Dostojewski“ – dieser Titel ist denn auch eher symbolisch gemeint (lediglich eine große Tomate wird ihm geschenkt, aber das ist ein anderer Strang in dieser Geschichte). Die süße Frucht steht eher für das süße Leben, von dem der schwerblütige Russe ein wenig kosten darf. Umweht von der Leichtigkeit des südlichen Lebens, darf er sich sogar, wenn auch schlechten Gewissens wegen seiner zu Hause wartenden Ehefrau, in eine Schauspielerin verlieben. Zwischendurch erfährt er in intimen Gesprächen, dass der scheinbar so lebenslustige Rossini geplagt ist von Einsamkeit und Depressionen: Zwei Künstler, deren Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihnen macht, in diesem Roman ziemlich unscharf wird – der eine, weltweit gefeiert, am Ende seiner Karriere, der andere, (bislang) nur in seiner Heimat bekannt, an der Schwelle zum (Nach-)Ruhm stehende Schriftsteller.

Eingebettet in die malerische Kulisse Venedigs gelingt es Dangl, den Zauber dieser unwirklichen Stadt – wenn auch auf die Leseleichtigkeit nicht fördernden syntaktischen Um- und Seitenwegen – durch die Augen eines staunenden Touristen und im Kopf des Lesers erleben zu lassen. Und zwischen den Zeilen scheint auch ein Hauch jener morbilità auf, die seit jeher für die Einzigartigkeit und Anziehungskraft dieser versinkenden Stadt steht.

Rainer Nolden

Michael Dangl, Orangen für Dostojewskij, Braumüller, 480 Seiten, 24 Euro.