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Sams-Erfinder Paul Maar schreibt über seine Kindheit

Literatur : Ein gestörtes Vater-Sohn-Verhältnis

Das Sams mit seiner Rüsselnase, den blauen Wunschpunkten im Gesicht und den roten Strubbelhaaren hat der Schriftsteller Paul Maar erfunden und mit seinen lustigen Geschichten viele Kinder froh gemacht.

Nun erzählt er mit „Wie alles kam“ von seiner eigenen Kindheit – und die war nicht immer fröhlich.

Schon früh verliert er seine Mutter, die an den Spätfolgen seiner Geburt stirbt. Die ersten Jahre nach ihrem Tod sind für Maar „ein schwarzes Loch“. Für ihn ist die zweite Frau des Vaters seine Mutter, an die er sich erinnert und die er liebt.

Während sein Vater im Zweiten Weltkrieg als Soldat kämpft, verlebt er eine sorgenfreie Kindheit bei den Schwieger-Großeltern Oma Kuni und Opa Schorsch in Obertheres, wo die Familie 1943 zusammen mit Oma Rethel hin flüchtet. Doch so unbeschwert bleibt die Kindheit von Paul Maar nicht. Als der Vater zwei Jahre nach Kriegsende heimkehrt, findet er keinen Zugang mehr zu seinem Sohn.

Der Autor führt das unter anderem darauf zurück, dass der Vater nicht nur seine Mutter während des Krieges verliert, sondern auch noch seine Firma ausgeraubt wird. Auch das Haus wird einer anderen, ausgebombten Familie zugesprochen. Gegen seinen Willen zieht der Vater zu seinen Schwiegereltern aufs Land, um dort auszuharren, bis er wieder nach Schweinfurt zurück kann, um sein Geschäft neu aufzubauen.

Maar, der seinen Vater zuletzt als Fünfjähriger bei einem Fronturlaub gesehen hatte, ist inzwischen neun Jahre alt und der Vater ihm fremd geworden. Für den Vater ist er der ungeratene Sohn, der, statt drahtig und sportlich zu sein mit „Brille auf der Nase und krummen Rücken verweichlicht im Sessel lümmelt, ein Buch in der Hand“.

Oft geraten Vater und Sohn aneinander. Wenn der Vater nicht weiter weiß, schlägt er seinen Sohn mit einem abgeschnittenen Stück Gartenschlauch. Paul Maar versucht sich unauffällig zu verhalten, um den Unwillen des Vaters nicht auf sich zu lenken.

In der Schule läuft es ebenfalls nicht richtig gut. Aufgeweckt gibt der Sechsjährige bei der Einschulung zu verstehen, dass er schon lesen kann. Das macht ihn unbeliebt bei den älteren, nicht so fortgeschrittenen Mitschülern.

Zurück in Schweinfurt lernt er in der Oberstufe die Mitschülerin Nele kennen, die später seine Frau wird. Sie stammt aus einer Theaterfamilie. Von Anfang an umgibt sie die Aura von etwas Besonderem, schreibt Maar. Doch die Erinnerungen an ihr Kennenlernen vermischen sich mit der gegenwärtigen Situation, als der Autor den Roman schreibt. Zu dieser Zeit ist seine Frau schon hochgradig dement.

Der junge Maar ist zunächst von der Malerei begeistert. Erst später fängt er an zu schreiben. Zum Teil verarbeitet er in seinen Büchern auch biografische Erlebnisse. Als Vorbild für die Figur des Herrn Taschenbier in seinen Sams-Romanen dient der zurückhaltende Angestellte von Paul Maars Vater, den, so vermutet er, sein Vater nur angestellt hat, um seine schlechte Laune an ihm auslassen zu können. Ihm zur Seite wird im Buch deshalb das freche, quirlige Sams gestellt.

Grundehrlich und ohne zu schönen schreibt Paul Maar seine Kindheitserinnerungen auf. Die sind mal lustig, mal ernst und manchmal auch ganz schön traurig. Das gestörte Verhältnis zu seinem Vater wird sich zu Lebzeiten nicht mehr erholen. Erst durch die Briefe seines Vaters, die er während des Krieges an seine Frau schrieb und die Paul Maar nach dessen Tod erhält, gibt es ein versöhnliches Ende. Man hätte Paul Maar manchmal gerne ein Sams an seine Seite gewünscht und ein paar Wunschpunkte, die er in schmerzlichen Zeiten hätte einlösen können.

Stefanie Glandien

Paul Maar, Wie alles kam, S. Fischer-Verlag, 304 Seiten, 22 Euro.