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Theater: Schwindlerinnen und Schwerenöter

Theater : Schwindlerinnen und Schwerenöter

Flashback in die Zeit des unbeschwert-harmlosen Unterhaltungstheaters: Manfred Langner inszeniert am Trierer Theater Peter Yeldhams Komödie „Auf und davon“.

Die Neunzehnhundertsechziger: Sie waren der Beginn der goldenen Ära des Boulevardtheaters. Der Großteil der Stücke kam aus dem englischsprachigen Raum; Autoren wie Neil Simon, Ray Cooney oder Michael Frayn zogen das Publikum in Scharen in die kleinen Häuser, die sich auf derlei Schaumgebäck spezialisiert hatten. Im Grunde ging es immer nur um Sex, der den amtsschimmelstaubigen Geschlechtsverkehr der verklemmten bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft endgültig in Pension geschickte hatte.

Ein Mann zwischen zwei Frauen, eine Frau zwischen zwei Männern: Diese Dreieckskonstellation, von den französischen Gründervätern des lasziven Genres erfunden, ist über die Jahrhunderte hinweg in immer neuen Variationen erzählt worden - immer kecker, immer anzüglicher und immer eindeutiger.

Doch lang ist‘s her, dass Dessous, in einem unbedachten Moment aus Bademanteltaschen gezogen von Herren  in geräumigen Stars & Stripes-Boxershorts, die sich mit dem delikaten Kleidungsstück den Angstschweiß von der Stirn wischen, weil sie in eindeutigen Situationen erwischt worden sind, für kreischendes Gelächter sorgten. Abgesehen von Letzterem passiert unter anderem genau das in Manfred Langners Inszenierung von Peter Yeldhams „Auf und davon“, das im Großen Haus Premiere hatte. Das Stück ist mittlerweile ein halbes Jahrhundert alt, eine Ewigkeit also in diesem Genre, und die Patina ist unübersehbar. Langner macht den matten Glanz zum Regieprinzip – angefangen von den Kostümen mit einem Touch Chanel (Carola Vollath) über das 60er-Jahre Mobiliar der Hotelzimmer (Dieter Teßmann) inklusive Bakelit-Telefonen mit kilometerlanger Schnur. Die klobigen Fernsprechgeräte gehören zum Arbeitsgerät von Elizabeth und Josephine, die durch die Welt reisen auf der Suche nach reichen Männern, um sie auszunehmen wie Weihnachtsgänse. Das funktioniert so lange, bis sie Charlie treffen, einen ebenso ausgefuchsten wie gut aussehenden Halunken, der die Damen nicht nur in fiskaler Hinsicht aufs Kreuz legt.

Nach einer ganzen Reihe von Irrungen und Wirrungen zwischen New York, Paris, Tokio, bei denen keiner der drei mehr so recht weiß, woran sie/er mit den/dem anderen eigentlich dran ist, einigen sie sich sowohl geschäftlich wie privat auf einen Kompromiss, der seinerzeit durchaus als pikant angesehen werden konnte – und auch heute noch manchem Zuschauer einen neidischen Seufzer entlockt haben mochte.

Langner hat für seinen Abend die Jüngsten aus seinem Ensemble rekrutiert, und deren Spielfreude kann so manche Pointe retten, die durch den Zahn der Zeit ziemlich kariös geworden ist.  Der „Neue“, Lennart Hillmann, ist Zimmerkellner in allen Hotels dieser Welt, wandlungsfähig von westlich über orientalisch bis fernöstlich, doch im Kopf hat er immer nur das Eine: die baldige Wiedervereinigung mit dem jeweiligen Zimmermädchen, das Lara Schitto naiv bis kokett, aber spätestens nach dem Aufräumen immer paarungswillig verkörpert. Superb der Einfall der Regie, sie in Tokio ferngesteuert als Roboter-Maid durchs Zimmer trippeln und kippeln zu lassen.

Wandlungsfähigkeit beweist auch der zweite Neuzugang in Trier, Raphael Christoph Grosch, das ewige Opfer: nicht nur als einfältig-jovialer Engländer, der üppig in versprochene Erdgasbohrungen im Ärmelkanal investiert, sondern auch als vermeintlicher Geheimpolizist in Tokio mit einer Mischung aus Japanisch und Kauderwelsch und zum Schluss als skurriler Toulouse-Lautrec-Verschnitt über die Bühne rutscht.

Nun gut, overacting gehört zum Stilprinzip des Boulevards, und davon macht das Gauner(innen)-Trio reichlich Gebrauch, allen voran Giovanni Rupp als knarziger Schweizer Henri Durant, der auf du und du mit Josef „Ackchermann“ am Telefon verhandelt. Ansonsten ist sein Charlie mal schmierig und mal charmant, skrupellos und sexy und bei aller Liebe zu seinen beiden Nächsten immer auf den eigenen Vorteil bedacht. Und die sind Kim Zarah Langner als Josephine, verrucht, verschlagen und verbissen um ihr erschwindeltes Geld kämpfend, eine femme fatale mit einem Hauch von Halbwelt und Vollweib, die am Ende einsehen muss, dass sie doch nicht so gewitzt ist wie sie glaubte.

Anna Pircher, ihre blonde Mit- und zeitweise Gegenspielerin, ist eine gereifte Lolita in knackengen Jeans, knapper Bluse, die es, auch wenn sie ins feine Kostüm wechselt, faustdick hinter den Ohren hat. Ein quirliges Bündel und ein verführerisches Biest, das sich Charlie nur ungern vom Leib hält, obwohl sie genau das mit ihrer besten Freundin vereinbart hat. Aber manchmal sind die Triebe eben stärker als der Treueschwur, und auch als Schwindlerin bleibt man halt ein schwaches Mädchen.

„Auf und davon“ – das ist ein Flashback in die vom Goldstaub bedeckte Zeit des unbeschwert-harmlosen Unterhaltungstheaters. Und der wird vom Publikum ausgiebig beklatscht.

Die nächsten Aufführungen: 29. 9.; 3., 6., 10., 14., 20., 21. und 24. 10., Karten: 0651 / 718-1818.