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Selfie im Museum

Immer mehr Menschen kommen zum Fotografieren ins Museum. Ihre Bilder laden sie auf Instagram hoch. Wie reagieren Museen auf den Trend? Was ist rechtlich überhaupt erlaubt? Und was sagen Kritiker? Natalie Urbig

Für das Foto trägt sie gelb. Die Frau, die sich auf Instagram "uliet" nennt, steht im Pariser Musée de l'Orangerie vor einem Monet. Und während sie dort die Seerosen im Sonnenuntergang betrachtet, fügt sich alles zusammen. Ihr Blazer passt zur Dämmerung des Bildes, ihre fliederfarbenen Haarsträhnen ergänzen den Abendhimmel. All das ist auf dem Foto zu sehen, das die Besucherin auf der Plattform Instagram hochgeladen hat. Tausenden Nutzern gefällt das.

In den sozialen Netzwerken wimmelt es von Bildern wie diesen. Unter den Stichwörtern "Museumsselfie", "Lookatart" oder "Peoplewatchingart" zeigen Besucher, was sie bei ihrem letzten Museumsbesuch erlebt haben - wie sie gedankenverloren vor einem Kunstwerk stehen oder wie sie die Haltung eines Porträts nachahmen. "Heutzutage teilt man eben gerne online, was man erlebt und was einen beschäftigt", sagt Donata aus der Wieschen, Sprecherin des Museum Ludwigs in Köln. Seitdem so gut wie jeder ein Smartphone hat, mache sich der Trend im Museum bemerkbar: "Besucher jeden Alters laufen heute mit dem Smartphone in der Hand durch die Ausstellungsräume und fotografieren, was ihnen gefällt."

In der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW habe man vor allem bei der Installation "In orbit" gemerkt, dass Leute ihren Museumsbesuch gerne festhalten möchten, sagt Alissa Krusch, die dort für die digitalen Medien verantwortlich ist. Das Stahlseilnetz des argentinischen Künstlers Tomás Saraceno, das in 25 Metern Höhe im Ständehaus schwebt, sei gleich ein beliebtes Motiv gewesen. Aber auch die Nachfrage an der Kasse, ob fotografiert werden darf, habe zugenommen, so Alissa Krusch.

Was dann mit den Bildern gemacht werden darf, darüber herrscht bei vielen Besuchern Unsicherheit. Für private Zwecke dürfen die Fotos - selbst wenn die Kunstwerke urheberrechtlich geschützt sind - verwendet werden, heißt es bei der Verwertungsgesellschaft Bild Kunst, die bildende Künstler in Urheberrechtsangelegenheiten vertritt. Das heißt: Sie können in der eigenen Wohnung aufgehängt, einem Freund gezeigt oder in ein Fotoalbum geklebt werden.

Sie dürfen aber nicht veröffentlicht werden. "Das Einstellen der Bilder ins Internet ist ohne Zustimmung des Urhebers nicht erlaubt", sagt die VG Bild Kunst dazu. "Auch Social-Media sind in der Regel nicht privat im Sinne des Gesetzes." Bevor also etwas online geteilt wird, müssen Nutzer sich erkundigen, bei wem die Urheberrechte liegen, und diesen dann für weitere Absprachen kontaktieren. Einfacher wird es bei Werken von Künstlern, die vor mehr als 70 Jahren gestorben sind. Da ist das Urheberrecht erloschen, sie gelten als gemeinfrei und können fotografiert und online gestellt werden.

Ob aber überhaupt in einem Museum fotografiert werden darf, bestimmt das Museum selbst. "Der erste Schritt sollte immer sein, im Museum nachzufragen oder in der Benutzerordnung nachzulesen, was erlaubt ist", sagt Rechtsanwältin Monika Böhr. In den meisten Fällen ist das Fotografieren ohne Blitz, Stativ oder Selfie-Stick möglich. Ausnahmen sind häufig Sonderausstellungen.

Viele Museen begrüßen es, wenn ihre Gäste fotografieren, und unterstützen es: Sie laden dann Blogger und Instagrammer zu sogenannten Instawalks ein und bieten ihnen reichlich Fotogelegenheiten. Oder sie errichten Selfie-Stationen. Das Museum Ludwig baut sie zum Beispiel zu speziellen Anlässen vor Kunstwerken auf, die nicht mehr urheberrechtlich geschützt sind. Aber auch Fotoaktionen zu Ausstellungen werden immer beliebter. Kürzlich forderte die Kunstsammlung NRW in einer Instagram-Aktion dazu auf, den eigenen Schatten zu fotografieren - so wie der Künstler Akram Zaatari, der eine Werkreihe mit Fotografenschatten zusammengestellt hat. Das Städel-Museum in Frankfurt ließ Besucher in Anlehnung an Marcel Duchamps "Fountain" die Toilette fotografieren und ins Netz stellen. Und in Glendale (US-Bundesstaat Kalifornien) eröffnete vergangene Woche mit dem "Museum of Selfies" das erste Ausstellungshaus der Welt, das sich ausschließlich mit diesem Phänomen befasst. Kunstgeschichtlich und interaktiv werden die Selbstporträts dort betrachtet. Zudem sind die Räume so eingerichtet, dass sie den Besuchern Möglichkeiten für Selbstbilder bieten. Einen Selfiestick dürfe man ausdrücklich mitbringen, heißt es aus dem Museum.

In den USA sind fotografierende Museumsbesucher ohnehin kein neues Phänomen mehr. Dort fürchten Kritiker längst, dass die Menschen nicht mehr in ein Museum kommen, um sich ein Meisterwerk anzusehen, sondern um ein Selfie davon zu machen. Der Journalist und Buchautor Tom Rachman klagt im "New Yorker", dass Besucher Kunst nur noch konsumieren, ohne sich mit ihr auseinanderzusetzen. Gleichzeitig warnt er, dass Ausstellungen in Zukunft nur noch so kuratiert werden, dass sie möglichst "Instagram-tauglich" sind.

Gemeint sind damit spektakuläre Installationen, die Massen anziehen. Wie der "Infinity Mirrored Room" - ein Raum mit vielen Spiegeln, der auf Instagram tausendfach geteilt wird. Er ist ein Werk der Künstlerin Yayoi Kusama - ein "Instagram Darling", wie Maura Judkis sie in der Washington Post nennt. Die Journalistin fürchtete vor einer von Kusamas Ausstellungen, dass sie überlaufen sein wird. Und zwar nicht nur von Kunstinteressierten, sondern auch von "Eindringlingen", die zwar die Künstlerin nicht kennen, aber wissen, dass jeder in ihren Installationen gut aussieht.

In jedem Fall wirft der Fototrend Fragen auf, wie Kunst rezipiert werden sollte: "Gerade jüngere Künstler begrüßen es, wenn ihre Werke fotografiert werden", sagt Krusch, "sie sehen es als Teilhabe an der Kunst." Das Fotografieren wird so zu einer neuen Art der Betrachtung, bei der die Besucher im besten Falle selbst kreativ werden und ihre Eindrücke mit der ganzen Welt teilen können.