Shakespeares „Coriolan“ in Düsseldorf

Theater : Shakespeares „Coriolan“ als böse Clownerie

Regisseur Tilmann Köhler inszeniert die Tragödie im Central des Düsseldorfer Schauspielhaus als absurdes Lehrstück über Macht und Populismus.

Nun steht er also vor dem Volk, der stolze Coriolan mit dem dämonischen Clownsgesicht, dem geschundenen Kriegerkörper, muss alberne Werbefähnchen schwenken und sich freundlich geben. Dabei verabscheut er doch die verführbare Menge, diesen grölenden Altstadt-Party-Fan-Pöbel, mit dem kein Staat zu machen ist. Coriolan soll Konsul werden. Er hat es verdient. Er hat gerade im Blutrausch eine Schlacht ganz allein für Rom entschieden. Sein Patriotismus ist erwiesen. Warum dann noch dieser lächerliche Auftritt vor dem gemeinen Volk?

In seinem Spätwerk „Coriolanus“ erzählt Shakespeare von einem Krieger aus der römischen Oberschicht, der zu höchsten Beamtenehren aufsteigen soll, seine Abneigung gegen das Volk aber nicht verhehlen kann. Demokratische Mitspracherechte für die einfachen Leute sind ihm zuwider. So fällt es den Populisten leicht, die Masse gegen ihn aufzuhetzen. Coriolan wird trotz seiner Verdienste aus Rom verbannt, verbündet sich mit seinem Erzrivalen und zieht zurück gen Rom – diesmal als Angreifer.

Es geht um Hochmut und Stolz in diesem Stück, um den Snobismus der Herrschenden und die Verführbarkeit des Volkes. Es geht um antidemokratische Eliten und Populisten, die ihre eigenen Ziele verfolgen. Ein trauriges Schauspiel also, das Tilmann Köhler im Central des Düsseldorfer Schauspielhauses als garstige Clownerie inszeniert. Alle Figuren tragen Spaßmacher-Kriegsbemalung, wenn die Schminke auch bald zerfließt. Sie verbergen ihre wahren Gesichter hinter Fratzen der Fröhlichkeit und treiben ihr absurdes Spiel ohne Rücksicht auf das Wohl aller.

Tatsächlich sprüht Köhlers Inszenierung vor Witz und bösen Einfällen. Wenn Coriolan etwa auf seinen größten Feind Aufidius trifft, wird aus dem martialischen Duell eine gymnastische Übung mit Seidenbändern, das kriegerische Pathos wird der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Bühne ist ein schlichter, heller holzgetäfelter Kasten, mit einem großen Loch in der Mitte. Aus dieser versenkten Manege zaubern die Clowns ständig neue Requisiten hervor, mit denen sie ihre albernen Spielchen treiben. Da werden in der Schlacht Luftballons zerfetzt, die Kriegsbeute besteht aus Kirmes-Knuddelzeug, der Applaus der Menge geht als Luftschlangen aus der Sprühdose über den Kriegsheimkehrern nieder.

Das alles entfacht eine ungeheure Spiellust im Ensemble, das in Elisabethanischer Manier rein männlich besetzt ist. Jeder nutzt hier seine Auftritte für absurde Zwecke. Einer reißt den anderen mit. André Kaczmarczyk gibt als Coriolan eine glänzende Vorstellung als stolzer Held mit weichen Momenten. Mit heißer Inbrunst drückt er dem Volk seine Abscheu aus, ist nur im Kampf mit sich im Reinen. Jonas Friedrich Leonhardi ist als Aufidius ein ebenbürtiger Widersacher, ein Clown-Punk, dem es ebenfalls ums Raufen geht. Großartig auch alle anderen, Rainer Philippi als Gleichnis erzählender Senator-Clown, Markus Danzeisen als eiserne Kriegermutter. Rollen werden an- und abgelegt, Massen markiert, doch verliert das Spiel nie an Klarheit.

Man hätte den über dreistündigen Abend straffen können. Man kann auch fragen, ob es in Shakespeares Sinne ist, alle Figuren zu Clowns zu machen, damit die Standesunterschiede zu verwischen. Doch trifft diese Inszenierung die Gegenwart ins Mark. Wie aktuell wirken Shakespeares mehr als 400 Jahre alten Worte über Macht und Manipulierbarkeit. Gerade weil Köhler das Stück mit Brechtschen Verfremdungsstrategien inszeniert, treten die Argumente für und wider Volksherrschaft so scharf zu Tage. Demokratie will geübt sein. Ein Volk, von dem die Macht ausgehen soll, muss lernen, sich gegen Populismus zu immunisieren. Es muss Verantwortung übernehmen. Doch laufen ja auch in unseren Tagen die Menschen den bösen Entertainern nach. Spülen Angst, Kränkung, Benachteiligung vielerorten die falschen Herrscher ins Amt. All das ist im Düsseldorfer „Coriolan“ zu besichtigen. Ein irrer Spaß. Wenn‘s nicht so ernst wäre.

Info www.dhaus.de

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