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Simon Rattle mit dem London Symphony Orchestra in Luxemburg

Luxemburg : Bruckner ganz ohne Klischees

Was ist das für ein faszinierender Beginn! Ganz alleine stimmen im London Symphony Orchestra die Bratschen das Thema der einleitenden „Fächerfuge“ aus Bartoks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta an.

Kein Akzent, erst recht kein schiefer Ton stören den ruhigen Melodie-Fluss. Die übrigen Orchestergruppen setzen nach und nach ein, der zerbrechliche Klang fächert sich immer weiter auf. Und Simon Rattle steuert das Geschehen mit minimaler Gestik – so, als wolle er diese Entwicklung auf keinen Fall stören. Die Zuhörer in der ausverkauften Philharmonie sitzen da wie gebannt, und erst nach Ende des Kopfsatzes löst sich für einen Moment die Spannung im Publikum.

Es war wunderbarer Bartok, geprägt von emotionaler Intensität und orchestraler Klangkultur. Das Londoner Orchester behält auch bei großer Vitalität und vollem Klang immer seine Transparenz, seine Eleganz, seine musikalische Noblesse. Auch der beherzte Zugriff bleibt diszipliniert und kontrolliert. Und Sir Simon meidet alle publikumswirksamen Attitüden, setzt vorsichtig Schwerpunkte und lässt stellenweise dem Orchester ganz einfach freien Lauf.

Und dann, nach der Pause, Bruckners Sechste. Jeder kennt den typischen Bruckner-Stil: flirrende Streicher, lautes Blech, Klangabstufungen wie an der Orgel, eine mal introvertierte, mal ausladende Religiosität. Aber Rattle und sein Orchester beließen es nicht bei solchen Stereotypien. Sie zielten auf den ganz spezifischen Tonfall dieser Sinfonie im für Bruckner ungewöhnlichen, warmen und hellen A-Dur.

Die punktierten Rhythmen, die das Werk durchziehen, sie klingen nicht akademisch abgezählt, sondern fließend und leger. Schon der erste Tutti-Block weitete sich zu einem wahrhaft großen Klang jenseits von platter Lautstärke. Der wunderbare „Hymnus“ im langsamen Satz bleibt schlank und beweglich. Es ist ein detailreicher, ein „sprechender“ Bruckner, frei von schwerfälligem Pathos und religiöser Emphase.

In der Coda des Finales spielt das Orchester die Brüche der Komposition, ihre Höhen und Tiefen sorgfältig aus, statt nur auf den kurzen Schlussabschnitt zu zielen.

Und dann der letzte Akkord - Simon Rattle schlägt ihn nicht einfach ab. Er hebt beide Arme und lässt ihn einen Moment lang verklingen. Eine visionäre, eine raumgreifende Geste. Jubel bei den 1300 Besuchern in der Philharmonie. Und Rattle geht durch die Orchester-Reihen und bedankt sich bei den Musikern ganz persönlich.