So erfanden die jungen um Edgar Reitz das Kino neu - Vorstellung in Morbach

Film : So erfanden die jungen Wilden um Edgar Reitz das Kino neu

„Heimat“-Regisseur Edgar Reitz erzählt, wie er und seine Mitstreiter in den 60er-Jahren den deutschen Film revolutionierten. Im kleinsten Kino des Landes in Morbach zeigt er das Werk „Abschied von gestern“, das er zusammen mit seinem langjährigen Freund und Weggefährten Alexander Kluge entwickelte.

Wenn Filmemacher Edgar Reitz erzählt, braucht er dafür nicht zwingend eine Kamera. Vor der Aufführung von „Abschied von gestern“ von Alexander Kluge aus dem Jahr 1966 im rappelvollen Kino Heimat in Morbach erzählt er unterhalt-
sam und anekdotisch von seiner Zusammenarbeit bei dieser Filmproduktion mit dem Wegbegleiter und Freund. Kluge, ein gelernter Jurist, sei eher ein Autor gewesen, was ihn allerdings nicht hindern sollte, Filme zu machen. Für die Regie des später preisgekrönten Films zeichnete offiziell Alexander Kluge, für Kamera und Bildgestaltung Edgar Reitz verantwortlich. Der gebürtige Morbacher ist mit seiner „Heimat“-Trilogie und dem Werk „Die andere Heimat“ weltbekannt geworden.

In der Praxis habe der heute 87-jährige Freund abseits vom Drehgeschehen tagesaktuell die Dialoge  geschrieben, die per Boten zum Filmteam gebracht, die dann filmisch umgesetzt wurden, sagt Reitz.

War die Szene gedreht,  warteten er, Reitz, und das Team auf weitere Texte. Nach den Dreharbeiten machte sich Kluge an den Schnitt, während Reitz ein neues Projekt in Angriff nahm. Später war er sehr überrascht, als er den fertigen Film sah. Denn Kluge hatte ihn völlig neu zusammengesetzt.  „Nehmen Sie sich in Acht. Der  Kluge geht mit Filmmaterial um wie ein Kind mit Spielzeug“, warnt er die Zuschauer in Morbach  vor dem Filmstart. Bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig erhielt die Koproduktion dann einen den Hauptpreise.

Warum hat es ausgerechnet dieser Film beim ersten Simmerner Filmfestival unter dem Motto „heimat(en)“ im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz auf die Leinwand des Kinos Heimat geschafft?  

Der Vorschlag stammt von Filmwissenschaftler und Kulturmanager Urs Spörri, der gemeinsam mit Reitz in die Veranstaltung einführt. Der sozialkritische Film um eine junge Frau, die 1957 aus Magdeburg nach Westdeutschland flüchtet und dort vergeblich versucht, Fuß zu fassen, ist ein filmhistorisch besonderer Film.

Es sei der erste deutsche Spielfilm moderner Machart gewesen, erklärt Spörri. „Opas Kino ist tot“ hieß der Slogan, mit dem die Unterzeichner des Oberhausener Manifestes rund um Kluge und Reitz 1962 dem Kinostil der Nachkriegs-BRD den Kampf ansagten. 26 junge Regisseure forderten darin die Einrichtung einer Filmhochschule, und sie erhoben einen besonderen Anspruch, nämlich den „neuen deutschen Spielfilm zu schaffen“. Und „Abschied von gestern“ – ein programmatischer Titel – gilt als erster Film dieser Art.

Die Hauptrolle spielte die Medizinstudentin Alexandra Kluge, die Schwester eines der bekanntesten Protagonisten des Neuen Deutschen Films. Der Film hat biografische Züge. Denn wie die Hauptdarstellerin Anita G. wuchs  Alexandra Kluge im Osten auf und kam erst später in den Westen. Weil ihr Bruder mit der Mutter in West-Berlin lebte, lernten sich die beiden erst als Erwachsene kennen. Die Veranstaltung in Morbach war der vor zwei Jahren gestorbenen Alexandra Kluge gewidmet.

Das Kino Heimat wurde im Januar dieses Jahres eröffnet und ist mit 30 Sitzplätzen das kleinste in Rheinland-Pfalz. Es ist eng verbunden mit Edgar Reitz und seinem Werk. Das Kino im ehemaligen Elternhaus des 86-jährigen   Filmemachers zeigt sein filmisches Werk, andere anspruchsvolle Kinofilme  und verfügt auch über eine Auswahl preisgekrönter internationaler Kurzfilme.

Nach acht Monaten zieht Betreiber Alfons Schramer eine erste Bilanz: „Es war definitiv die richtige Entscheidung für das Objekt.“ Mit dem Programm sei man nach wie vor in einer Testphase.  Reitz selbst ist es nach eigener Aussage eine „Herzensangelegenheit, dass alles richtig läuft“. Es sei wichtig, dass sich die Macher tief einarbeiten in die Filmfachwelt. Aber das sei „lösbar“.

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