Theater: Tanzstück zieht wegen Erfolgs auf große Bühne

Theater : Tanzstück zieht wegen Erfolgs auf große Bühne

Die Studio-Produktion „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ fesselt das Trierer Theaterpublikum auch im Großen Haus.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Theaterstück oder Musical in New York „off Broadway“ uraufgeführt wird; dort, wo es billiger ist für die Produzenten, weil die Häuser kleiner und die Mieten günstiger sind – ein bisschen zumindest. Ebenso nicht ungewöhnlich ist es, dass eine Show wegen überwältigenden Publikumsandrangs kurz nach der Premiere an den „richtigen“ Broadway in ein großes Theater rund um den Times Square umzieht. Die Musicals „Hair“ und „A Chorus Line“ etwa sind Beispiele für derartige Karrieren, und das letztgenannte ist in gewisser Weise eine Brücke nach Trier (dazu weiter unten mehr), wo soeben Gleiches passiert: Eine Inszenierung ist der großen Publikumsnachfrage wegen von der Studiobühne ins Große Haus umgezogen: „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“. Richard Alfieris Zwei-Personen-Komödie mit einem Kloß in der Kehle.

Der Unterricht wurde also quasi vom Wohnzimmer in einen Ballsaal verlagert. Was macht es nun mit einem Stück, das, eindeutig mit Hinblick auf die Maße einer kleinen Bühne geschrieben, wo man mit ausgestreckter Hand die Akteure berühren könnte (zumindest in den ersten Reihen), auf einmal im Maßstab 1:100 gespielt wird? Was macht es mit den Akteuren? Und mit dem Publikum?

Zum Ersten: Die Inszenierung von Ulf Dietrich nimmt keinerlei Schaden; im Gegenteil: Die vierte Wand, im Studio praktisch nicht vorhanden, sorgt für ein wirklich „theatrales“ Erlebnis; die räumliche Distanz zum Geschehen tut der Wirkung keinen Abbruch. Das kleine Bühnenbild (Dietmar Tessmann) wirkt, durch schwarze Vorhänge vom übrigen Raum getrennt, souverän auch auf der großen Fläche. Und für die notwendige Intimität des Geschehens sorgen zweitens Barbara Ullmann als Lily Harrison, die ältliche Südstaaten-Witwe eines erzkonservativen Baptistenpredigers, und Dimetrio-Giovanni Rupp als schwul-schlaksiger, vom Hexenkessel New York infizierter Tanzlehrer (und gescheiterter Broadway-Tänzer, der es fast zu einer Rolle in „A Chorus Line“ geschafft hätte) Michael Minetti. Hier, wo sie sich drittens das Publikum etwas mehr auf Distanz halten können, wirken sie fast noch konzentrierter in ihrem ganz aufeinander bezogenen Spiel, das 660 Besucher (bis auf zwölf zurückgegebene Karten war das Haus ausverkauft) bis in die letzten Reihen ebenso zu fesseln  vermag wie das Zehntel im Studio. Auch wenn, wie häufig an diesem Abend, der Szenenapplaus spontan aufbrandet, den es zuvor kaum gab, geraten sie nicht aus dem Takt; im Gegenteil, er scheint sie geradezu zu beflügeln. Die Story selbst – zwei sensible, in sich verschlossene Menschen mit ziemlich vielen blauen Flecken auf der Seele, die nach und nach die ebenso komischen wie schmerzlichen Utensilien aus dem Rucksack, den sie durch ihr Leben schleppen müssen, voreinander offenlegen – verliert ebenfalls nichts von ihrer Wirkkraft. Natürlich gerät „6x6“ – so die theaterinterne Abkürzung – mitunter gefährlich in die Nähe des Kitsches, aber dem Duo Ullmann/Rupp gelingt es souverän, jedes Mal die Kurve zu kriegen und einen sentimentalen Moment mit einer schnoddrigen Bemerkung zu entschärfen.

Fazit: Der Umzug ist perfekt gelungen, und mindestens einmal noch wird in der neuen Wohnung – pardon, auf der neuen Spielstätte – getanzt. Und, wenn es die Zuschauer wollen, bestimmt noch öfter, wie Dramaturg Philipp Matthias Müller beim Publikumsgespräch am Ende der Vorstellung versprach. Vor der, wie Barbara Ullmann und Dimetrio-Giovanni Rupp gestanden, sie ebenso nervös waren wie vor der richtigen Premiere. Wobei Lampenfieber bekanntermaßen immer noch der beste Garant für einen gelungenen Abend ist.

Die nächste planmäßige Vorstellung im Großen Haus ist am 5. Januar um 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen in Vorbereitung; Kartentelefon 0651 /718-1818.

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