Trier Remy, Fang Yi, Vittoria: In Trier tanzt die Welt!

Trier · Die neue Produktion der Tanzsparte des Theaters Trier „Crossing borders“ (Grenzüberschreitungen) feiert am Samstag Premiere.

Das Probenfoto zeigt eine Szene aus der Choreografie „Heterotopia“ von Fang Yi Liu.

Das Probenfoto zeigt eine Szene aus der Choreografie „Heterotopia“ von Fang Yi Liu.

Foto: Theater Trier

Es wird spannend. Drei internationale Choreografen – drei unterschiedliche Tanzsprachen: Einmal mehr bietet der Trierer Ballettdirektor Roberto Scafati jungen Talenten eine Plattform. Seit langem gehören Einladungen junger Nachwuchschoreografen und –choreografinnen zum Programm des Ballettchefs des Trierer Theaters. „Crossing borders“ heißt die neue Produktion der Tanzsparte, die am Samstag Premiere feiert, und die von den drei Gästen, zwei Choreografinnen und einem Choreografen, mit jeweils einer eigenständigen Arbeit gestaltet wird. Der Titel ist angesichts der internationalen Herkunft der Künstler durchaus wörtlich zu nehmen. Zudem verspricht er neue Ideen und ästhetische Wagnisse. So unterschiedlich wie ihre Themen sind auch die Biografien und Ideenlagen der drei Künstler.


Die Choreografen: Der in den Niederlanden lebende und mehrfach ausgezeichnete Remy Tilburg ist nicht wirklich ein Newcomer. In seinem Heimatland ist der junge Künstler längst ein angesehener Choreograf, dessen vielfältige Projekte Einfallsreichtum und tänzerisches Können verraten. Der 1989 geborene Tänzer und Choreograf studierte an der Amsterdam University of Arts. Nach seinem Abschluss arbeitete er mit renommierten Tanzcompagnien zusammen. Zehn Jahre lang war er Mitglied des Ensembles des berühmten Nederlands Dans Theater, dem derzeit wohl besten Tanztheater weltweit. Inzwischen arbeitet Tilburg freiberuflich und veranstaltet unter anderem auch Tanzworkshops, in denen er vermittelt, was ihm Kunst und Tanz bedeuten, nämlich Freiheit. Womit er ganz nah beim Klassiker Friedrich Schiller ist, dem sich in der Freiheit der Kunst die universelle Freiheit des Menschen darstellte. In Trier zu choreografieren sei für ihn eine wunderbare Gelegenheit und eine Herausforderung, sagt der Künstler im Gespräch.

Für den Choreografen ein Grund zur Freude, denn: „Ich liebe Herausforderungen“. Genauso wie Tilburg alles Lebendige liebt. In Trier sind es die Flamingos, von denen seine gleichnamige Choreografie handelt. Tiefer Respekt vor der Natur und den Tieren klingt durch, wenn der Künstler sagt: „Wir müssen die Tiere respektieren, sie sind schon länger da, als wir“. An den Flamingos liebt Tilburg die Farbe und vor allem den langen Hals, der zu den eleganten Bewegungen der Vögel beiträgt. Und nicht zuletzt sind die geflügelten Erdbewohner mit ihrer Fähigkeit, hoch in den Himmel zu fliegen, für den Choreografen Sinnbilder der Freiheit.

Ganz anders Fang Yi Liu: Die aus Taiwan stammende und in Flensburg lebende Choreografin schloss ihr Studium an der Taipei National University of the Arts mit einem Bachelor in zeitgenössischem Tanz ab. In Deutschland war sie Mitglied des Ballett Kiel und des Ballett Leipzig unter der Leitung von Mario Schröder. Zudem arbeitete sie mit namhaften Choreografen zusammen.

Seit 2014 ist sie als freie Choreografin tätig und unterrichtet überdies. Ihre fünfteilige Trierer Choreografie trägt den Titel „Heterotopia“. In ihrer Arbeit, die von autobiografischen Erfahrungen beeinflusst ist, bezieht sich die Künstlerin auf den Text „Andere Räume“ des Franzosen Michel Foucault. In seinem fundamentalen Artikel setzt sich der Philosoph mit dem Begriff des Raums auseinander. Dem realen aus Utopien entstandenen materiellen Raum stehen in seiner Abhandlung die „anderen, nicht materialisierten Räume“ , eben jene Heterotopien gegenüber. Wie zum Beispiel, die virtuellen Welten von Filmen oder Social Media, aber eben auch gesellschaftliche Machträume oder Klassen und Milieus.

Fang Yi Liu hat selbst, wie sie erzählt gleichermaßen reale wie auch jene „andere Räume“, erlebt, bei ihrem Wechsel aus der asiatischen Kultur in die europäische. „Das war zunächst sehr schwer“, berichtet sie. In ihrer Choreografie verhandelt sie den Raum der Träume und Visionen und den geheimen Raum der unbekannten fremden Welt. Es geht um Vergangenheit und Gegenwart, um die Begegnung mit dem Fremden und schließlich um die Vielfalt in der Einheit der Person. Trotz autobiografischer Züge versteht Fang Yi Lu ihre Arbeit nicht als Darstellung individueller Erlebnisse, sondern als Bilder kollektiver Erfahrungen.

Schließlich Vittoria Girelli: Die in Mailand aufgewachsene Italienerin absolvierte ihre tänzerische Ausbildung an der Scuola di Ballo Accademina Teatro alla Scala in Mailand, bevor sie an der English National Ballet School nach London wechselte. Seit 2016 ist sie Mitglied im Corps de Ballet beim Stuttgarter Ballett, wo sie mit Beginn der Spielzeit 2022/23 zur Halbsolistin befördert wurde. Neben dem Tanz arbeitet die Künstlerin auch als Choreografin. „Glass Tears“ (Gläserne Tränen“) heißt ihre Trierer Arbeit nach dem bekannten, 1962 entstandenen Foto des amerikanischen Fotografen Man Ray. „Ich lasse mich bei meiner choreografischen Arbeit von anderen Medien und Kunstformen inspirieren“, sagt die Künstlerin. Allerdings nicht allein davon, wie sie im Gespräch berichtet. Der gesamte Produktionsprozess ist für sie eine stetige Inspirationsquelle, bei dem im Austausch mit den Tänzerinnen und Tänzern ständig neue Impulse und Ideen aufzunehmen und zu überprüfen sind. Zwar gehe sie mit einer Grundidee in die Proben, aber erst im interaktiven Austausch mit den Tänzern entstehe als „Work in Progress“ die Choreografie. Durchaus ein Prozess mit ungewissem Ausgang, erzählt Vittoria Girelli. „Aber genau das macht es spannend“.

Premiere: Samstag, 25. Mai,19.30 Uhr, Theater Trier, Großes Haus.

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