„Tatort“-Schauspieler Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl lesen Charles Dickens vor

Lesungen / Literatur : Kommissar im Kerzenschein

„Tatort“-Schauspieler Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl lesen Charles Dickens

Ein zartes Glöckchen weckt kindliche Weihnachtsfreude. Dazu die Melodie von „We wish you a merry christmas“, gespielt von fünf in schwarz gekleideten Weihnachtsengeln mit riesigen weißen Federflügeln. So steigt die Saga-Produktion in die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens ein, die als ein Bühnenmärchen mit Musik angekündigt war. Mit den beiden deutschlandweit bekannten „Tatort“-Kommissaren Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl hat sie prominente Vorleser. An zwei schlichten schwarzen Pulten stehen sie. Miroslav Nemec verkörpert den Ebenezer Scrooge, den grantelnden Geizkragen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, während sein Partner Udo Wachtveitl in mehrere Rollen schlüpft, beispielsweise in die der vier Geister, die Scrooge besuchen, den kleinen Jungen Timmy, den Neffen und Erzähler.

Miroslav Nemec gelingt es dabei, die Wandlung vom harten, abweisenden Egoisten über den nachdenklichen, erschrockenen und zweifelnden bis zum einsichtigen und menschlichen Scrooge zu vollziehen. Mit einer sehr intensiven Bühnenpräsenz, eindringlichen Blicken, einer hervorragenden Betonung des Textes, gelungen verstärkt durch  Gestik und Mimik,  überzeugt er die rund 600 Besucher im Kulturzentrum Trifolion in Echternach. Nemec klebt nicht am Text, sondern nimmt im Laufe des Stückes immer mehr Raum auf der Bühne ein. Einen erschreckenden, dramatischen Höhepunkt gibt es, als Scrooge in einer Traumreise mit dem Geist der zukünftigen Weihnacht seinen eigenen Grabstein erkennt.

Udo Wachtveitl springt mühelos zwischen den Charakteren hin und her, ob es die wütende Ehefrau des Angestellten ist oder der kleine Timmy mit dem verkrüppelten Bein. Durch seine bildhafte Erzählweise hat man, wenn man seinen Worten lauscht und ihn auf der Bühne sieht, tatsächlich den Eindruck, in der ärmlichen Stube des Angestellten Bob Cratchet am Weihnachtsabend zu sitzen. Man hört zu, wie er erzählt, dass der Sohn Timmy, neben dem in der Kirche niemand sitzen will, weil er ein verkrüppeltes Bein hat, den Abend aber als seinen Abend genießt, weil Gott auch ihn nicht vergisst und in seine Mitte nimmt. Zudem liefert er oft schaurige und humorvolle Momente. So spricht er mit einer tiefen Echostimme oder irrt mit einem schwarzen Schleier auf dem Kopf und Nebelgerät auf der Bühne herum. Seinen Geisterkiefer hat er mit einem lauten Knacken wieder eingerenkt.

Es waren aber nicht die Schauspieler allein, die diesen Abend zu einem außergewöhnlichen gemacht haben. Dazu haben auch die fünf Streicher einen großen Teil beigetragen. Die Musik des Komponisten  Libro Sima  gab der Handlung immer wieder einen emotionalen Bezug. Am einfachsten merkte man das in den verschiedenen Versionen von „We wish you a merry Christmas“, das mal melodisch, mal verzerrt, mal dissonant gespielt wurde. Das Licht, für das Birte Horst verantwortlich war, das sich mal warm und hell in Orangetönen, dann wieder in kaltem Blau zeigte, trug mit seiner feinen Dosierung ebenfalls viel zur Stimmung bei. Zudem gelang es dem Regisseur Martin Mühleis, den Rhythmus und die Struktur der Geschichte zu erhalten. Mit modernen Elementen wie dem schlichten Bühnenbild transportierte er sie in die heutige Zeit, wo sie genauso aktuell ist wie im Jahr 1843, als Charles Dickens seine Weihnachtsgeschichte als sozialkritisches Stück schrieb.

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