Theater Trier: Premiere "Blue Jeans"

Theater : „Denn wir haben viel geschafft in kurzer Zeit“

Ein Abend außer Rand und Band: Ulf Dietrich inszeniert „Blue Jeans“ im Großen Haus des Theaters Trier.

Ein bisschen Etikettenschwindel darf schon sein, wenn’s der Sache dient: „Blue Jeans“ wird als „Schauspiel mit Musik“ angekündigt. Dabei bietet der Abend eher „Viel Musik mit etwas Schauspiel“. Denn in der Geschichte um zwei Wirtschaftswunderehepaare, die ihren Nachwuchs zwecks Geld- und Vorteilsvermehrung miteinander verkuppeln wollen, liefert der Soundtrack den (nicht immer so) roten Faden durch die muffigen, wilden, spießigen, skurrilen 50er Jahre.

Aber der Reihe nach: Was sich die Autoren Jürg Burth und Ulf Dietrich, der auch für die Regie verantwortlich zeichnet, ausgedacht haben, wirft Schlaglichter auf das, was zum Erinnerungsschatz an die Fünfziger gehört: Ein spießbürgerliches Ehepaar, das seinen Nachkriegsreichtum vor allem den Geschäften verdankt, die dessen Eltern in den 1930er Jahren „günstig“ machen konnten; ein Vertriebenenpaar, das es ebenfalls geschafft hat, sich im Westen einen Teil vom Wohlstandskuchen abzuschneiden. Kein Wunder, dass ihr Lieblingslied „Es geht besser, besser, besser, denn wir haben viel geschafft in kurzer Zeit…“ heißt.

Doch hinter der zuckrigen Schlagerverdrängungsidylle lauert schon der Feind in Gestalt von Rock ’n’ Roll, der die Jugend verführt und zu unzüchtigem Treiben anstiftet. Auch das erleben die beiden Ehepaare mit ihrem Nachwuchs, der eigentlich zusammenfinden sollte, aber dann doch die Kirschen in anderen Gärten süßer findet. Sicher, es kommt zum Happy- End, aber einem ganz anderen, als sich die Eltern das hätten träumen lassen.

Ein solcher Plot trägt natürlich keinen Abend lang, ohne mit Nahrungsergänzungsmitteln gepäppelt zu werden. Das sind dann eben jene Schlager, die alle mitsingen können, ein paar kabarettistische Seitenhiebe auf die Lebensgewohnheiten der Nierentischära, boshafte Piekser gegen das aufgeblasen-selbstgefällige Nachkriegsbürgertum, das sich gern im Vergessen übt, sowie ein paar eingestreute Sketche, die keine Angst vorm Kalauern haben und – natürlich – auch ein paar Körner Wahrheit enthalten.

„Blues Jeans – ein Schauspiel mit Musik“ also. Aber vor allem ist diese Szenenfolge ein Geschenk an die Schauspieler, Tänzer und Sänger (das jeweilige „-innen“ korrekterweise bitte dazudenken!), die an diesem Premierenabend agieren, als gäbe es kein Morgen. Das vereinte Ensemble – es ist die personalintensivste Inszenierung dieser Spielzeit – entfacht einen zirzensischen Parforceritt, der einen schon beim Zuschauen nach Luft schnappen lässt. Da wird getanzt, gesungen, gesprungen, gelaufen, gekaspert, so dass das Publikum durch fortlaufende Applausattacken für eine beträchtliche Verlängerung des Abends sorgt.

Die Mitwirkenden und ihre Verdienste im Einzelnen: Michael Hiller und Stephanie Theiß sind das westdeutsche Wirtschaftswunderpaar, bräsig bis selbstgefällig, immer auf die gutbürgerliche Fassade bedacht. Theiß kann nicht nur die „Caprifischer“ stilgerecht besäuseln, sondern gibt auch als Rockröhre alles, was Körper und Stimme zu bieten haben. Hillers großer Moment kommt auf dem Campingplatz in Italien, wo er sich vor einer geheimnisvollen dunkelhaarigen Frau Heinz-Erhardt-mäßig auf dem Klapptisch räkelt. Umwerfend in jeder Beziehung.

Barbara Ullmann und Klaus Michael-Nix trauern ihrem Besitz in Ostpreußen nach („Mejn Brrrautklejd hat jetzt der Rrrusse“, lamentiert Ullmann, O-Ton Kenichsberch), urkomisch, aber auch mit einem Hauch von Tragik. Der verfliegt jedoch immer dann, wenn Ullmann zu ihren Songs über die Bühne wirbelt und mit Nix eine kesse Sohle aufs Parkett legt, wie man damals zu sagen pflegte.

Bianca Spiegel weiß als Fräulein Schlösser nicht nur geschickt mit dem Staubsauger umzugehen, sondern ist auch selbst ein heißer Feger: Der anstandsbewussten Haushaltshilfe (die auch die geheimnisvolle Schöne auf dem Campingplatz ist, siehe oben) Lieblingslektüre ist „Das Buch der Etikette“, dessen Regeln sie mit jedem Blick, jeder Geste, jeder Bewegung der Hände, der Beine und anderer hervorragender Körperteile zu unterlaufen versteht. Ihre Auftritte sind Komik-Klimaxe der echt aparten Art.

Dimetrio-Giovanni Rupp ist der schmutzige, knackige und sündhaft-verführerische Tom, dem die Mädels in Scharen hinterherschwärmen. Kein Wunder: Mit seinen Elvis-artigen Gesangs- und Tanzauftritten beweist er, dass er die große Bühne auch alleine füllen kann. Gideon Rapp bleibt als knarziger G.I. Johnny und öliger Pfarrer in ausgesprochen guter Erinnerung.

Anna Pircher (Lisa) und Robin Jentys (Frank) schließlich sind das Paar, das die Erwartungen der Eltern enttäuscht und sich nach glück­lich überstandener Pubertät vom jeweiligen Erzeugerduo emanzipiert. Pircher, ganz romantischer, aber auch trotziger Teenager, was sich in ihren Liedern niederschlägt (die sie mitunter in etwas gefährliche Höhen führen), wird Toms williges, aber glückliches Opfer, und Jentys macht eine zwar psychologisch nicht ganz glaubhafte, aber dafür urkomisch-überdrehte Wandlung vom verklemmten Muttersöhnchen zum „wilden Tiger“ durch, der das Fräulein Schlösser zwischen zwei Staubsaugergängen schwängert.

Für die rasanten Choreographien, die einen beträchtlichen Teil des Abends einnehmen, sind Luiza Braz Batista und Paul Hess zuständig, und die Schlager- und Rocknummern unterfüttern mit dem jeweils passenden Sound Niclas Ramdohr (Klavier) und seine Band (Klaus Berlingen, Christoph Haupers, Heiko Wilhelmus, Moe Jaksch und Carlos Wagner). Das pfiffige Bühnenbild mit den Mobile-Elementen – und zwei schwarz aufragenden Ruinensilhouetten am Bühnenrand als Erinnerung an ungemütliche Zeiten – schuf Dietmar Tessmann, und die wie die Faust aufs Auge passenden Kostüme und die, wenn die „Blue Jeans“ fallen, bisweilen sichtbar werdenden Dessous (strictly fifties) schneiderte Monika Seidl.

Die nächsten Vorstellungen: 26. Januar, 1., 10., 17. und 27. Februar; Karten unter Telefon 0651 7181818, an der Theaterkasse oder unter www.theater-trier.de

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