Kulturmacher: Tonkunst statt Gebrauchsmusik

Kulturmacher : Tonkunst statt Gebrauchsmusik

Joachim Reidenbach ist einer der bekanntesten lebenden Komponisten der Region. Seine Johannes-Passion erklingt im Trierer Dom.

Selbstsicher ist er bestimmt. „Das habe ich ganz bewusst so gemacht“ sagt Joachim Reidenbach zugleich abwehrend und offensiv, wenn Detailfragen aufkommen zu seiner Musik. Ursprünglich war er nur ein ganz normaler Kirchenmusiker – Regionalkantor in Trier von 1977 bis zu seiner Pensionierung 2010. Aufs Komponieren konzentrierte er sich, als seine berufliche Entwicklung bereits beendet schien. Mittlerweile gehört Reidenbach zu den bekanntesten lebenden Komponisten der Region. Und seine Produktivität hat er in den vergangenen Jahren noch entwickeln können – quantitativ, was die Anzahl der Werke angeht, aber auch qualitativ, was das Spektrum an Stimmungen und Stilen betrifft. In der Karfreitags-Feier im Trierer Dom (30. März, 15 Uhr) erklingt Reidenbachs Johannespassion. Das Werk wurde vergangenes Jahr in Münster uraufgeführt.

Die Entwicklung, die der Komponist Reidenbach seit den 1980er Jahren vollzogen hat, ist erstaunlich. Seine Kompositionen haben sich von bescheidener Gebrauchsmusik emanzipiert zu ambitionierter Tonkunst mit einer bemerkenswerten Stil-Vielfalt. Sogar auf eine Zwölfton-Komposition hat sich Reidenbach einmal eingelassen – und die klingt bei ihm keineswegs schrill und misstönend.

Reidenbach war nie ein Spezialist. Immer ging seine Aktivität in die Breite. Einen „intensiven Aufbau kirchenmusikalischer Strukturen in Trierer Pfarreien“ nach dem A-Examen 1972 verzeichnet seine Internet-Biografie, dazu „Organisation und Leitung vieler Konzerte“ - unter anderem die Silvesterkonzerte in Trier-St. Paulin, die unter seinem Nachfolger Volker Krebs weitergeführt werden. Erst spät hat sich Reidenbach ganz aufs Komponieren konzentriert, hat dann allerdings mit seiner Musik auch außerhalb der Region rasch für Aufsehen gesorgt. Immer wieder besticht die handwerkliche Sicherheit und intelligente Musikalität seiner Kompositionen – der reiche, bewegliche Quartettsatz bei den Variationen über Georg Schmitts Mosellied beispielsweise oder auch der heiter-ironische Tonfall in den Bagatellen, die Reidenbach für das Trierer UBI-Klaviertrio komponierte. Für diese Ensemble mit der ungewöhnlichen Instrumentenkombination Flöte-Klarinette-Klavier hat er eine neue Auftragskomposition geschrieben und für das Cello-Duo „Cellage à deux“ gleichfalls. Beide Kompositionen werden Ende April uraufgeführt.

Angesichts solcher Voraussetzungen erstaunt nicht, dass Reidenbachs Johannespassion, die am Karfreitag im Trierer Dom erklingt, kein demütiges Beiwerk zur Liturgie oder zum geistlichen Wort ist. Sie ist eine eigenständige, textlich-musikalische Verkündigung. Gerade an dieser Komposition lässt sich ablesen, wie sich Reidenbachs Stil von einfacher Gebrauchsmusik emanzipierte. Die erste Fassung der Passion von 1982 bleibt noch bei einer musikalischen Schilderung – einfallsreich gewiss, aber doch beschränkt in den kompositorischen Mitteln. 2016 hat Reidenbach das Werk neu gefasst. Der Text, früher nach der Luther-Bibel, orientiert sich jetzt an der Einheitsübersetzung von 1978/79. Der Verspottungs-Szene („Sei gegrüßt“) hat der Komponist einen neuen, walzernahen Rhythmus mitgegeben und damit etwas höhnisch Beschwingtes. Vier neu komponierte „Reflektionen“ laden überdies ein zur Besinnung. All das sind noch keine spektakulären Veränderungen. Ein wichtiges Merkmal indes hebt die Fassungen voneinander ab. Reidenbach greift den Schlusschoral „Christ ist erstanden“ aus der Frühfassung auf und überträgt ihn auf das gesamte Werk. Immer wieder in der Passion ist jetzt die sanft geschwungene, von der Gregorianik abgeleitete Melodielinie des altdeutschen Ostergesangs präsent. Damit verändert sich auch die Grundlage der Komposition. Sie wird von einer dramatischen Erzählung zu einem heilsgeschichtlichen Bekenntnis. Auch in der klingt schon Osterfreude mit.

Konzert Joachim Reidenbach, Die Leidensgeschichte des Herrn nach Johannes für Sprecher, Soli, Chor und Pauken. Fassung von 2016. Trierer Domchor, Kathedraljugendchor Trier, Leitung Thomas Kiefer. Karfreitagsgottesdienst im Trierer Dom, Freitag, 30. März, 15 Uhr.