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Konzerte
Richtig laut gegen rechts: Die Toten Hosen

Energiebündel: Campino (links) mit seiner Band Die Toten Hosen am Bostalsee.
Energiebündel: Campino (links) mit seiner Band Die Toten Hosen am Bostalsee. FOTO: Nicolaj Meyer
Bosen-Nohfelden. Die Punkrock-Band hat den Bostalsee am Freitag in ein Festivalgelände verwandelt. 25 000 Besucher feierten über sechs Stunden mit vier Bands. Dabei gab es auch deutliche Worte an den Verfassungsschutz. Von Nicolaj Meyer
Nicolaj Meyer

Manche politisch linke Fan-Seele wird den kommerziellen Erfolg der Toten Hosen mit Gram betrachtet haben: Hits à la „Tage wie diese“ wurden für manchen Zweck vereinnahmt: Der Song lief während der Fußball-Europameisterschaft 2012 als Soundtrack für Fußballpatriotismus, untermalte die Wahlparty der CDU im September 2013 und wurde später von Helene Fischer auf ihren Konzerten gecovert. Ist das noch Punkrock?

Absolut! Das zeigt zum einen die aktuelle Performance der Düsseldorfer vor 25 000 begeisterten Fans auf der Festwiese am Bostalsee bei Nohfelden-Bosen – und zum anderen die gesellschaftspolitische Bedeutung der Band. Zunächst zur Musik.

Campino und Co bieten insgesamt drei Intervalle an Zugaben, spielen über drei Stunden, und kaum einer der großen Hits fehlt am Freitagabend.  Neben den Titeln des 16. Albums „Laune der Natur“ wie „Wannsee“ gibt es jede Menge altbekannte Mitsing-Chancen: „Steh auf“, „Alles aus Liebe“, „Hier kommt Alex“ und „Bonny und Clyde“, um nur wenige zu nennen. Nicht nur die eingängigen Refrains, sondern auch die beinahe in jedem Song vorkommenden „Oho“-Stadion-Chöre animieren zu pausenlosen Stimmband-Übungen. Als musikalische Unterlage servieren die Hosen ein kräftiges Gitarrenbrett und einen Schlagzeug-Beat, der durch das Mark scheppert.

Campino grinst dabei breit wie ein Clown, verzerrt wenig später wieder schmerzvoll das Gesicht. Sein Gesicht ein charaktervoller Spiegel der Musik. Dann springt der 56-Jährige über die weite Bühne, einmal sogar ins Publikum und muss von der Security am Fuß festgehalten werden, damit er nicht von den Fans in die Ferne getragen wird. Er wirkt wie pure Energie, und auch seine Band überzeugt spiellustig und souverän zugleich.

Die Hosen wagen sich mit ihrer Erfahrung an die ganz schweren Themen: Ganz ruhig wird es im Publikum, als die Band die Konzentrationslager-Hymne „Die Moorsoldaten“ anstimmt. Der Song wurde von Gefangenen vor 85 Jahren erstmals bei einer Aufführung in einem Lager aufgeführt. Die Musiker kleiden ihn in ein ernsthaftes und kraftvolles Rock-Gewand, das so manchem Arm die Gänsehaut überstülpt. Unterstützt werden die Düsseldorfer von vier Streichern, die sich Michail-Gorbatschow-Gedächtnisquartett nennen und der Pianistin Esther Kim.

Bei so einer eindrucksvollen Vorstellung drohen die ebenfalls sehr guten und hochkarätigen Vorbands in Vergessenheit zu geraten: Attaque 77, Feine Sahne Fischfilet und die Beatsteaks machen an diesem Abend den perfekten Job des Stimmungsmachers, so dass das Konzert qualitativ eher einem Festival gleicht.

Neben dem musikalischen Gut gibt es einen weiteren aktuellen Grund für den Wert der Toten Hosen: Nach den Ausschreitungen in Chemnitz und dem folgenden Engagement der Gruppe beim Konzert gegen Fremdenfeindlichkeit unter dem ­Hashtag „wir sind mehr“ scheinen die Toten Hosen als Lautsprecher gegen rechtes Gedankengut so wichtig zu sein wie noch nie. Kaum eine andere Band spielt schon so lange auf Deutschlands Bühnen Songs gegen nationalistisches Gedankengut.

Und natürlich äußert sich Campino auch am Freitagabend politisch. In Bezug auf die Nachwehen der Gewalttaten in Chemnitz und die Äußerungen von Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen sagt er: „Wir fragen uns, warum Maaßen nicht seinen Posten räumt und offiziell für die AfD kandidiert.“ Von uns allen fordert Campino Courage: „Wir müssen uns alle mehr zwingen, vom Sofa aufzustehen und unsere Meinung zu vertreten.“

Am Samstagabend spielen die Toten Hosen ihre zweite Vorstellung am Bostalsee, dieses Mal mit anderen Vorbands: Schmutzki, Triggerfinger und The Hives.