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Trier für Trier – Solidarität per Streaming

Trier : Trier für Trier – Solidarität per Streaming

Keine Konzerte – keine Einnahmen! Für die Trierer Veranstaltungsorte bringt die Corona-Krise finanzielle Einbußen mit sich, die sie an den Rand der Existenz treiben könnten. Die jungen Konzertveranstalter von SDIYG-Shows aus Trier wollen mit einer besonderen Aktion Aufmerksamkeit schaffen und Unterstützung bieten.

Seit 2014 sorgt das sechsköpfige Team von SDIYG-Shows dafür, dass Livemusik in Trier gespielt wird. 78 Konzerte wurden in der Zeit in elf verschiedenen Locations organisiert. Dass dies gerade nicht mehr möglich ist, erfüllt die jungen Konzertveranstalter mit Sorge. Denn während es für sie nur ein Hobby darstellt, das zwar jede Menge Zeit, Geld und Herzblut braucht, ist es für andere sehr viel mehr. „Probleme hat die Trierer Musik- und Kulturszene nicht erst seit der Corona-Krise“, sagt Michael Hotzwik. Schon seit längerem könne man beobachten, dass Veranstaltungsorte verschwinden, Gäste ausbleiben und viele weitere Probleme und Schwierigkeiten hinzukommen. Zu wenige Proberäume und weniger Möglichkeiten in lokalen Venues aufzutreten, führe bereits zu Schwierigkeiten an der Wurzel der Kulturszene, den Kunstschaffenden selbst.

Durch die Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus erscheinen diese Probleme inzwischen aber fast schon gering, denn hierdurch ergeben sich etliche neue. Um für die gebeutelten Kulturbetriebe ein wenig Unterstützung und Aufmerksamkeit zu generieren, gibt es am Freitag, 17. April, ab 16.30 Uhr, ein Online-Benefizfestival. Unter dem Namen „Trier Online-Benefizfestival - bleif mim Aorsch dahemm“ haben Michael Hotzwik und Christoph Bales innerhalb weniger Tage ein Lineup zusammengestellt, das sich sehen lassen kann. Jeweils 20 Minuten sollen die einzelnen Sets lang sein, die von 16 Künstlerinnen und Künstlern aus der Region gestaltet werden (siehe Info).

Die Idee kam Hotzwik und Bales, als sie Online-Festivals von Stefan Jonas aus Hamburg sahen. Die Idee und auch die Streamings gehören mittlerweile fast zum Standard, doch hier könnte man Kräfte bündeln. „Da wir auf die Situation in Trier aufmerksam machen wollen, macht es wenig Sinn, bekanntere Bands aus Deutschland oder dem Ausland zu engagieren. Wir haben daher das Motto: Trier für Trier“, erzählt Michael Hotzwik.

Bei der Auswahl der Bands sind SDIYG daher zwei Kriterien wichtig: Es sollten Menschen sein, mit denen die Veranstalter seit Jahren zu tun haben und die mit einem der fünf Veranstaltungsorte Exhaus, Tuchfabrik, Villa Wuller, Mergener Hof und Lucky’s Luke fest verwurzelt sind. Außerdem sollten mehrere Genres vertreten sein, um möglichst viele Menschen anzusprechen.

Damit alles klappt, gilt es einige Hürden zu überwinden: die problematische Internetverbindung, fehlendes Equipment, aber vor allem auch die Tatsache, dass die Kontakteinschränkungen es nicht ermöglichen, in der vollen Bandbesetzung aufzutreten und vieles mehr. In einem Facebook-Post hat etwa die Gruppe Columbus was wrong. angekündigt, dass Sänger und Gitarrist Jörg Hoff solo auftreten wird, mit ihrem neuen Projekt Mikelson sind außerdem zwei weitere Bandmitglieder im Lineup vertreten. Hoff bestätigt auch, dass die Aufmerksamkeit für die Kulturschaffenden durch dieses Event enorm wichtig ist. Seine eigene Band sei etwa durch die Proberaumknappheit besonders betroffen und freut sich, mit diesem Benefizfestival eine Plattform zu bekommen, die möglichst vielen helfen kann.

Viele Künstler treten ohnehin in der Regel ohne Band-Unterstützung auf, zum Beispiel Rapper DMO oder Jawknee Music. Uwe Reinhard ist ein Urgestein der Trierer Musikszene und tritt sowohl solo als Jimi Berlin als auch mit seiner Band Kramsky auf. Die veröffentlicht am 8. Mai das neue Album „Metaego“. „So haben wir uns das sicherlich nicht vorgestellt“, meint Reinhard, schließlich entfalle die Promotour komplett. Das Benefiz-Festival werde er nutzen, um sowohl Songs von Jimi Berlin als auch von Kramsky zu spielen. „Soweit meine musikalischen Fähigkeiten letzteres zulassen“, wie er lachend am Telefon erzählt.

Jimi Berlin tritt auch mit Songs seines Projekts Kramsky auf, das im Mai ein Album veröffentlicht. Foto: Marco Piecuch

Dass das Zusammenspiel als Band auf die Entfernung zumindest live nicht funktionieren wird, musste auch vandermeer in den vergangenen Tagen feststellen. Die Latenz, also die Verzögerung bei der Übertragung von Signalen, macht es unmöglich. „Wir sind seit einer Woche auf der Suche nach einer Lösung für das Problem“, erzählt Sängerin Harmke van der Meer. Die Songs auf eine Akustik-Version herunterzubrechen, sei für vandermeer kaum möglich – schon gar nicht in der Kürze der Zeit. Die Entscheidung, wie das eigene Set gestaltet wird, ist allerdings noch nicht gefallen.

Bernd Erasmy, Florian P. Stiefel, Harmke van der Meer und Jo Hansson treten in dieser Konstellation seit 2016 als vandermeer auf. Foto: Eta Carinae/Elena Nelipa (Eta Carinae)

Der Tenor der Musiker ist einstimmig: Alle sind sie bei dem Online-Festival gerne mit dabei, um den Veranstaltungsorten sowohl Aufmerksamkeit als auch finanzielle Unterstützung zu bringen. Thomas Thiel vom Exhaus zeigt sich von dem großen Zusammenhalt begeistert: „Wir sind den regionalen Musikern und vor allem den Jungs und Mädels von SDIYG-Shows sehr dankbar.“ Auch die Tufa freut sich über die Aktivität. „Wir stehen dank zwei Standbeinen recht stabil in der Krise, das Konzept Verein und Stadt funktioniert“; sagt Teneka Beckers, die Tufa-Geschäftsführerin. Daher werde der Spendenanteil der Tufa an Künstler und Künstlerinnen weitergegeben, die durch die Corona-Krise in existenzielle Not geraten sind. Die VillaWuller befindet sich gerade selbst in dieser Not und zeigt mit eigenen Live-Streams von DJ-Sets jede Menge Kampfgeist. Die Unterstützung durch SDIYG-Shows ist dem Verein wichtig, doch er appeliert erneut an das Land, den nötigen Rettungsschirm für die Kulturszene aufzuspannen.

Nicholas Müller beim Auftritt mit Roxxbusters beim Folklore Festival Bitburg 2019. Foto: Julia Nemesheimer

Dass ihr Online-Konzert nicht die Welt retten wird, ist Michael Hotzwik und Christoph Bales klar, aber tatenlos zusehen wollen sie auf keinen Fall. „Als Veranstalter haben wir Erfahrung, mit diesem Event betreten wir aber Neuland für uns“; sagt Hotzwik. Daher bittet er vorab um Geduld und Nachsicht, falls etwas nicht so klappt – hofft aber vor allen Dingen auf einen schönen Tag mit toller Musik.