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Trier weigert sich, 290 000 Bücher aufzugeben

Kultur : Trier weigert sich, 290 000 Bücher aufzugeben

Kulturpolitiker sind empört, wie der Landesrechnungshof bei der Stadtbibliothek Trier sparen will. Sie haben sich nun für einen Kompromiss entschieden.

Dicht an dicht drängen sich die Bücher in den dunklen Gängen der Trierer Stadtbibliothek. Zwei Stockwerke liegen unterirdisch, sieben darüber. 450 000 Werke sind hier versammelt: wertvolle mittelalterliche Handschriften und Drucke aus der Zeit Gutenbergs, alles Erdenkliche über die Geschichte Triers und sämtliche Bücher, die die Verlage der Region herausgeben.

Ginge es nach dem Landesrechnungshof, dann würde mehr als die Hälfte davon rausfliegen. Hatte dieser als Sparmaßnahme doch vorgeschlagen, alle Literatur, die nach 1850 beschafft wurde, zum Kauf anzubieten. Eine halbe Million Euro  könne Trier jährlich sparen, wenn die Bibliothek ihren Bestand reduziere, nur noch wertvolle Schenkungen annehme und aufhöre,  Bücher mit regionalem Bezug zu sammeln, behauptet die Behörde (der TV berichtete).

„Das ist für uns indiskutabel“, sagt Dezernent Thomas Schmitt am Mittwochabend bei einer Sitzung des Kulturausschusses. „So eine Verschleuderung von Kulturgut könnten wir niemals mittragen“. Auch für Michael Embach, den Leiter der Stadtbibliothek, kommt es überhaupt nicht infrage, die 290 000 Werke auszusortieren, die nach 1850 beschafft wurden. „Die Literatur zur deutschen Reichsgründung wäre betroffen, Karl Marx’ Erstausgabe des ,Kapital’s wäre weg, die Literatur zum Ersten und zum Zweiten Weltkrieg und alles über den Holocaust“, sagt Embach – und ein empörtes Raunen geht durch die Reihen der Politiker.Um die „Drastik dieses Vorschlags“ noch zu verdeutlichen, erinnert Embach an die Bücherverbrennung der Nazis. 1933 seien in Berlin 25 000 Bände vernichtet worden. Das Land habe Trier nun aufgefordert, mehr als das Zehnfache dessen auszusortieren. „Darunter dieselben Autoren.“

Doch das wird nicht passieren. Der Ausschuss hat einstimmig einen Alternativvorschlag angenommen. Demnach sollen nicht 290 000 einzelne Bücher aussortiert werden – was laut Embach schon logistisch kaum zu machen wäre, sondern 30 000 Zeitschriften, die relativ kompakt beieinanderstehen. 1300 Regalmeter werden auf diesem Weg frei. Genug Platz für den Neuzugang von acht bis zehn Jahren. „Das ist auch genau die Zeit, die wir brauchen, um abschätzen zu können, was die Digitalisierung für uns bedeutet – und ob wir in Zukunft noch analoge Literatur anschaffen“, sagt der Germanist.

Unter den Zeitschriften, die weichen müssen, sind Titel wie die „Süddeutschen Monatshefte“, der „Sendbote des Göttlichen Herzen Jesu“, die „Siebenbürgische Vierteljahrsschrift“ oder der „Kalender für Kommunalbeamte“.

Zusätzlich werden zwei Bestände aufgelöst, die seit Jahrzehnten im Ausweichmagazin der Grundschule Ruwer lagern. Bücher, die schon lange nicht mehr ausgeliehen werden können: die „Deutsch-Amerikanische Bibliothek“ sowie die „Deutsch-Französische Bibliothek“. Diese wurden nach dem Krieg angelegt, um die Völkerverständigung zwischen den Deutschen und den Besatzungsmächten zu verbessern. Eine Zeit lang habe das funktioniert, doch dann habe sich niemand mehr dafür interessiert, sagt Embach. Es handele sich um Massenliteratur. Wertvoll seien die Bestände nicht.

Aussortiert werden nur Titel, die es mehrfach gibt. Unikate bleiben. Unangetastet bleibt auch alles mit thematischem Bezug zu Trier. Ebenso wie alle „Pflichtexemplare“: Für das Land Rheinland-Pfalz sammelt die Bibliothek alle Bücher, die in der Region erscheinen. Die Verlage sind verpflichtet, jeweils ein Exemplar kostenlos abzugeben.

Werke, die weg sollen, werden zunächst den Bibliotheken der Uni und des Priesterseminars angeboten. Sollten diese ablehnen, können Trierer Antiquariate zuschlagen. Und wollen auch diese nicht, geht alles an einen Verwertungsdienst.

Wie bisher wird die Stadtbibliothek auch künftig drei Sammelschwerpunkte haben: „Treveriensien“, also alles, was mit der Geschichte Triers zu tun hat, Titel, die in der Region erscheinen, sowie alte Handschriften und Drucke. Wenn auch der Stadtrat sich hinter den Beschluss stellt, werden die Werke sich in der Bibliothek weiterhin dicht an dicht auf neun Etagen in dunklen Gängen drängen.