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Trierer Opernchor führt Annelies auf

Oper : „Plötzlich ein paar Schläge, Türen schlagen drinnen im Haus“

Ein Oratorium aus den Tagebucheinträgen Anne Franks – das führt der Trierer Opernchor an diesem Sonntag in der Kirche Sankt Ambrosius auf. Chordirektor Martin Folz sagt: Annelies“ ist ein besonderes Werk.

Mal langsam und trist, mal schnell und fröhlich. So wechselt die Stimmung zunächst immer wieder hin und her. Dann werden Geige und Cello, Klavier und Klarinette ganz ruhig, fast schon meditativ. Generalpause. Die Geige beginnt zu zittern, der Chor steigt ein, ganz vorsichtig singt er: „Up above you can hear the breathing, eight pounding hearts“: „Über uns konnte man das Atmen hören, acht schlagende Herzen. Schritte auf der Treppe, ein Rütteln am Bücherregal“ Aus dem tiefen, langsamen Gesang werden nun schrille, hysterische Töne, das Klavier beginnt einen schnellen Lauf: „Plötzlich, ein paar Schläge. Türen schlagen drinnen im Haus.“

Man kann spüren, dass die Verfasserin dieser Worte Todesangst hatte. Sie stammen vom 11. April 1944, aus dem Tagebuch der damals 14-jährigen Annelies Frank. 60 Jahre später hat der britische Komponist James Whitbourn daraus das Oratorium „Annelies“ erschaffen, das der Opernchor des Trierer Theaters am kommenden Sonntag, dem 18. Oktober, in der Kirche Sankt Ambrosius zeigt.

Angestoßen und geleitet hat das Projekt Martin Folz, der Chordirektor des Theaters. Er hat sich vor zwanzig Jahren zum ersten Mal für eine Oper mit den Texten auseinandergesetzt, die das jüdische Mädchen schrieb, als sie sich vor den Nationalsozialisten versteckte. Seitdem hätten diese ihn nie wieder losgelassen, sagt er: „Dass ein junger Mensch mit einer solchen Intensität diese Ungerechtigkeit für sich beschreiben kann – das finde ich unglaublich.“

Das rund 75-minütige Oratorium von Whitbourn übersetzt diese Gefühlswelt in Musik. Herausgekommen ist ein beeindruckendes, aber auch bedrückendes Stück, das mit Konventionen bricht. „Diese ungewohnten Dissonanzen, die übermäßigen Dreiklänge vermitteln permanent ein Gefühl von ‚gleich platzt hier etwas‘“, so beschreibt es Folz. „Das ist Filmmusik par excellence“ – ein bisschen wie in einem Horrorfilm, aber doch anspruchsvoller. Whitbourn verbaue darin Choräle, jiddische Folklore und deutsche Volkslieder.

So eine Art Musik habe er in dieser Komplexität noch nie erlebt, sagt Folz. „Das berührt mich auf eine ganz besondere Weise“. Das Stück gehe weit über das hinaus, woran der Opernchor normalerweise arbeite – und dann unterbrach die Corona-Pandemie die Proben auch noch für einige Monate.

Ursprünglich sollte das Stück bereits am 8. Mai aufgeführt werden, dem Tag der Befreiung Deutschlands von der Nazi-Diktatur. Dazu hatte das Theater große Pläne: Die volle Orchesterbesetzung war angedacht, ein Jugendchor sollte ausgewählte Passagen singen, auch an einer halbszenischen Inszenierung wurde gearbeitet.

Aufgrund der Pandemie ist all das nun nicht möglich. Stattdessen werden die 20 Sängerinnen und Sänger des Opernchors jetzt nur von wenigen Instrumenten begleitet; das Arrangement dazu stammt ebenfalls von Whitbourn. Für Folz ist das jedoch kein Minuspunkt. „Das ist wirklich interessant, was ihm in dieser kleinen Besetzung an großen Momenten gelingt“, sagt er. Vielleicht passe diese Variante ohnehin besser in eine Zeit, in der nun einmal alles etwas reduzierter ist.

Nur zwei Tage vor der Aufführung wird am Rindertanzplatz ein Mahnmal für die deportierten Trierer Jüdinnen und Juden errichtet. Das sei Zufall, sagt Folz. Doch es zeigt, dass das Schicksal Anne Franks und das Millionen weiterer Menschen nicht vergessen ist.

Oratorium „Annelies“: Sonntag, 18. Oktober 2020, 18 Uhr, Kirche Sankt Ambrosius. Restkarten sind noch erhältlich unter theater-trier.de sowie an der Theaterkasse.