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Musik
Und dann ist da dieser magische Moment

Singt mit Passion im Trierer Domchor: TV-Redakteurin Verona Kerl.
Singt mit Passion im Trierer Domchor: TV-Redakteurin Verona Kerl. FOTO: TV / Hans Krämer
Wie funktioniert ein gewaltiges Oratorium? Wie lange müssen Chor, Solisten und Orchester dafür üben? TV-Redakteurin Verona Kerl steigt hinter die Kulissen und singt bei „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy im Domchor mit. Von Verona Kerl
Verona Kerl

Präludium Meine Liebe zur Musik hat mich schon einige Male dazu beflügelt, ausgefallene Dinge zu meistern. Doch gelingt es mir, als ungeübte Sopranistin ein anspruchsvolles Oratorium mit erfahrenen Sängern zu singen? Lange hatte ich pausiert. Nun wollte ich wieder einsteigen. Ich beschloss, Domkapellmeister Thomas Kiefer um die Aufnahme in den Domchor zu bitten. Zum Glück sagte er Ja. Mein Ziel: Beim Schlussakkord-Konzert von Mosel Musikfestival und Dommusik am 3. Oktober mit  Dom- und Kathedraljugendchor im Dom aufzutreten. Der Probenplan für das romantische Werk „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) hatte es in sich. Ein ganzes Probenwochenende von Donnerstag bis Sonntag, reguläre und außerordentliche Proben, dazu ein paar Samstage und Endproben. Aber: Ich bin bereit!

Auftakt

Mein erstes Probenwochenende als Chormitglied beginnt an Christi Himmelfahrt und endet an Muttertag. Start jeden Morgen um 9.30 Uhr. Feierabend an zwei Tagen erst um 21.30 Uhr, dazwischen kurze Pausen. Wir arbeiten uns durch Mendelssohn Bartholdys gewaltiges Opus 70, durch 205 Seiten der Ausgabe Breitkopf und Härtel. Sie beinhaltet 42 Gesangsnummern, inklusive Arien und Quartette der Solisten für die Aufführungsdauer von etwa 160 Minuten. Wir üben in Tutti-Proben – also mit allen Sängern, und in Stimmproben – nach Stimmgruppen getrennt. Erstaunlich, wie diszipliniert selbst die Kinder und Jugendlichen des Kathedraljugendchors sind. Am Freitagabend singen wir bereits Nummer 29 einmal komplett durch: „Siehe der Hüter Israels“ – ein Etappensieg.

Am Samstagmorgen wache ich mit einem seltsamen Gefühl im Bauch auf und merke: Ich habe Muskelkater vom Singen. Doch schonen ist erst ab Montag wieder angesagt. Akribisch geht Thomas Kiefer Choräle und Fugen mit uns durch. Seine Ansagen sind präzise, wie immer: „Spürt den Puls der Musik! Singt die Chromatik besonders spannungsvoll! Singt die Kommas mit! Phrasiert!“ Wir sprechen die Sätze rhythmisch, bevor wir intonieren. Ich notiere Anmerkungen, kringele Satzzeichen und Noten ein, bei denen ich mich gerne „versinge“, markiere Textstellen nach crescendo (von leise nach laut) oder decrescendo (von laut nach leise), versuche, nicht an den Tönen zu „kleben“ und versinke immer tiefer in der romantischen Musik von 1846 – da war die Uraufführung in Birmingham, England.

Bei Nummer 5 „Aber der Herr sieht es nicht“ entsteht urplötzlich dieser magische Moment: ein Prickeln auf der Kopfhaut – ein elektrisierendes Gefühl. Ich singe mit Gänsehaut weiter und weiter und tauche tief in die Welt der Töne und Rhythmen ein. Berechtigte Zweifel aber bleiben. Funktioniert mein musikalisches Gedächtnis tatsächlich? Habe ich musikalische Intelligenz? Kann ich mir Töne merken, die in anderen Stimmen kurz vorher gesungen wurden? So, wie von Domkapellmeister Thomas Kiefer gefordert?

Zwischenspiel

Fast vier Wochen sind vergangen, als wir uns „Elias“ im großen Chorsaal der Dommusik wieder vornehmen. Thomas Kiefer beginnt mit dem ersten Chor „Hilf Herr!“ Ich bin erstaunt, wie viel bei mir hängengeblieben ist. Meine Anmerkungen im Klavierauszug sind dabei äußerst hilfreich, aber die sängerischen Feinheiten sind wieder verblasst.

Doch nicht so ein tolles Gedächtnis, sage ich mir. Und dann bemerkt  Kiefer etwas durchaus Tröstliches: „Man ist nie fertig mit einem Stück. Kein Musiker. Man entdeckt immer was Neues. Und man versucht stets, die Töne besser zu singen.“ Und so üben wir weiter. Das Wort „ab-phrasieren“ fällt häufig an diesem Morgen. Also betonte Silben betont und unbetonte Silben unbetont singen. Hört sich einfach an, ist es aber nicht. Die „Zaungäste“ auf dem Bischof-Stein-Platz, gleich unterhalb der Fenster vom Chorsaal, attestieren uns bereits einen schönen Klang. Halleluja!

In der letzten Augustwoche beginnt die heiße Phase. Wir proben jetzt zweimal die Woche. Einmal mit allen Sängern und einmal getrennt nach Stimmen. Es geht an den Feinschliff. Thomas Kiefer probt minutiös. Er ist  Perfektionist. Immer wieder lässt er Tenor, Bass, Alt oder Sopran Passagen wiederholen, übt präzise Phrasierung, Intonation und Rhythmik. Wie in Nummer 38: „Und der Prophet Elias brach hervor wie ein Feuer, und sein Wort brannte wie eine Fackel“, lautet der Text, dessen Diktion Kiefer so erklärt: „Die Sprache ist sehr bildhaft.  Fak-kel. Feu-er: Ihr müsst fauchen wie ein Drache.“ Bewunderswert, denke ich. Nie wird er müde, uns seine Vorstellung der Komposition zu vermitteln.

Mir ist klar geworden, dass diese scheinbare Mühelosigkeit, die Homogenität im Klang und die gute Textverständlichkeit in den Konzerten von Dom- und Kathedraljugendchor hart erarbeitet sind. Doch der Ehrgeiz hat uns alle gepackt. Wir wollen gut sein. Wir wollen ein fabelhaftes Konzert abliefern. Wir wollen über uns hinauswachsen.

Schlussakkord

In wenigen Tagen starten die Endproben. Am Freitag, 28., und Samstag, 29. September, stoßen die Gäste aus Wien zu uns, genauer gesagt der Institutschor Kirchenmusik der Universität für Musik und darstellende Kunst. Spannung und Erwartung steigen.

Am Montag, 1. Oktober, musizieren wir zum ersten Mal mit dem Orchester L’arte del mondo aus Leverkusen. Normalerweise gibt dieses ausgezeichnete Ensemble Konzerte in der Alten Oper Frankfurt oder im Festspielhaus Baden-Baden und begleitet hochkarätige Solisten. Am Mittwoch, 3. Oktober, spielen sie in der Hohen Domkirche in Trier, mit uns und unseren ebenfalls hochkarätigen Solisten. Ich werde ganz kribbelig, wenn ich an die Hauptprobe im Dom am Dienstag denke und an die Premiere am darauffolgenden Tag.

Jetzt darf nicht mehr viel schiefgehen. Freunde, Kollegen und Verwandte bleiben allerdings gaaanz gelassen. Sie erwarten nichts weniger als eine überaus gelungene Aufführung. Was überhaupt keinen Druck erzeugt. (Ironie!) Zugegeben, der lastet auf Thomas Kiefer. Da fällt mir ein: Was ziehe ich am 3. Oktober eigentlich an …?

Dirigiert mit Leidenschaft: Domkapellmeister Professor Thomas Kiefer.
Dirigiert mit Leidenschaft: Domkapellmeister Professor Thomas Kiefer. FOTO: Hans KrŠmer