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Musik
Unerhörte Töne in der Druckhalle

Stimmprobe in der Druckhalle des Trierischen Volksfreunds: Die Sopranistin Christina Clark tritt hier mit dem Minguet Quartett am kommenden Samstag um 20 Uhr im Rahmen des Mosel Musikfestivals auf.
Stimmprobe in der Druckhalle des Trierischen Volksfreunds: Die Sopranistin Christina Clark tritt hier mit dem Minguet Quartett am kommenden Samstag um 20 Uhr im Rahmen des Mosel Musikfestivals auf. FOTO: Friedemann Vetter
Trier. Das Mosel Musikfestival erobert mit einem Teil seiner Konzerte ungewöhnliche Spielstätten und präsentiert dort „Industrie-Kultur“. Am Samstag treten die Sopranistin Christina Clark und das Minguet Quartett beim Trierischen Volksfreund auf. Von Dr. Rainer Nolden

Ob sie schon einmal an einem so ungewöhnlichen, unter musikalischen Gesichtspunkten fast schon bizarren Ort gesungen hat? Christina Clark muss eine Weile überlegen, ehe sie verneint.

In einer solchen Halle, für die Kunst wahrlich nicht gebaut, wird sie am Samstag mit dem Minguet Quartett ein, nun ja, Kammerkonzert geben – mit Liedern von Anton Webern und Arnold Schönberg; flankierend dazu gibt es Klassik (Mozart) und Zeitgenössisches (Peter Ruzicka). Der Bogen ist also weit gespannt. Ebenso gespannt ist die Sopranistin, wie dieser Abend beim Publikum ankommen wird. Beim Fotoshooting nutzt sie die Gelegenheit, ihre Stimme in der 16,34 Meter hohen Druckhalle des Trierischen Volksfreunds auszuprobieren.

Und es funktioniert. Sogar über das Geräusch der Transportbänder, an denen am Abend bzw. in der Nacht die fertigen Zeitungen transportiert werden, setzt sich ihre Stimme durch, klingen die Töne laut und klar durch das Papierlager, in dem der Trierische Volksfreund seine Hardware, sprich, jene gigantischen Papierrollen aufbewahrt, auf die Tag für Tag für Hunderttausende Leser(innen) das Neueste aus aller Welt gedruckt wird.

Genauer gesagt: fast Tag für Tag, bis auf den Samstag. Und da dann Ruhe herrscht im Druckhaus, können sich andere Töne entfalten, eben die der Musik. Christina Clark mag solche Experimente, die ungewohnten Orte, die Herausforderungen, das Unerwartete, das dort passieren kann – mit der Musik, mit den Musikern, mit dem Publikum.

Eine willkommene Abwechslung für die Künstlerin, die seit Beginn des Jahrtausends dem Ensemble des Essener Aalto-Musiktheaters angehört und von dort aus immer wieder zu Gastauftritten in aller Welt aufbricht. Abwechslung – unter dieses Motto könnte man auch ihre Karriere zusammenfassen. Sie singt nicht nur das klassische Repertoire (wozu man hierzulande auch ruhig die Operette und einige Musicals zählen darf), sondern bewegt sich ebenso sicher auf den Gebieten Jazz und Spiritual. Eigentlich fehlen in ihrem Portfolio nur Hardrock und Metal – „und Wagner“, ergänzt sie lachend. „Wagner ist nichts für mich – von dem kann ich höchstens ein paar Waldvögel singen.“

Bereits als Fünfjährige entdeckte die in Rochester (Minnesota) Geborene die Musik für sich; dem Klavierunterricht folgte der Gesangsunterricht, als sie ein Teenager war. Rossini, Bizet und Humperdinck begleiteten sie bei ihren ersten professionellen Auftritten in den USA.

Im Jahr 1995 sang sie dann erstmals in Deutschland, das für sie schon bald zur Wahlheimat wurde – nicht zuletzt deshalb, weil sie beim Ravinia-Festival einen Sänger namens Tobias Scharfenberger kennenlernte, dem sie über den Atlantik folgte. In Essen (und natürlich auch an der Mosel) fühlt sie sich so wohl, dass sie, abgesehen von Besuchen bei der Familie, gar nicht mehr in ihre Heimat zurückmöchte – „vor allen Dingen nicht im Moment“, sagt sie.

Und wenn die Met bei ihr anruft? Sie lacht. „Die ruft nicht an.“ Und nach einer Pause fügt sie hinzu: „Aber falls doch, würde ich natürlich rüberfahren, mir alles anschauen – und dann wieder zurückkommen.“

Das Konzert findet statt am Samstag, 28. Juli, 20 Uhr, im Druckhaus des Trierischen Volksfreunds. Karten gibt es im TV-Service-Center Trier, unter der TV-Tickethotline 0651/7199–996 sowie unter www.ticket.volksfreund.de