Unterm Strich - die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden

Unterm Strich - die Kulturwoche : Was ist „Dinner for One?“ Was ist ein Hippie? Und warum sind die alle nackt?

Da werden die Engländer aber Augen machen: Sie sehen erstmals etwas, was wir schon seit Jahrzehnten immer wieder sehen: Der hierzulande als typisch britisch empfundene Schwarz-Weiß-Sketch „Dinner for One“ aus dem Jahr 1963 will der Fernsehsender Sky Arts als erster überhaupt auf der Insel zum Jahreswechsel zeigen.

Die seinerzeit in Hamburg vom NDR aufgezeichnete Komödie war in Deutschland erstmals 1972 an Silvester gezeigt worden – und von da an alljährlich. In Großbritannien hingegen ist der Sketch mit dem britischen Komiker Freddie Frinton als Butler James und May Warden als Miss Sophie so gut wie unbekannt – ebenso wie der Komiker, der eigentlich Frederick Bittiner Coo hieß (1909-1968) und in seiner Heimat als Music-Hall-Komiker nur mäßigen Erfolg hatte.

Auch May Warden (1891-1978) gehörte nie zu den großen Stars im englischen Showbusiness – daran änderte auch ihr kurzer Auftritt in Stanley Kubricks „A Clockwork Orange“ nichts. Aber was soll’s: In Deutschland – und auch in den skandinavischen Ländern – sind die beiden zu Stars geworden. Was allemal mehr bedeutet, als im – demnächst isolierten – Königreich populär zu sein. Karl May hatte nie einen Indianer oder einen Cowboy und ebenso wenig die  Prärie mit eigenen Augen gesehen – und war dennoch einer der erfolgreichsten Wild-West-Autoren, der Generationen von jungen Lesern mit seinen Romanen in seinen Bann zog. Galt McDermot ist so eine Art Karl May des amerikanischen Musicals. Er hat nicht einmal in seinem Leben an einer Haschzigarette gezogen und niemals Alkohol angerührt – und schrieb dennoch die Musik zum erfolgreichsten Rauschmusical aller Zeiten: „Hair“. „Was ist ein Hippie?“, fragte der Kanadier mit der gepflegten Frisur und der Vorliebe für Hemden und Krawatten die Produzenten, die ihn baten, die Musik zu dieser Show zu komponieren. Dabei war er damals schon fast 40 – also mindestens doppelt so alt wie die Figuren, die sich „Love and Peace“ zum Lebenszweck gewählt hatten.

 James Rado und Gerome Ragni hatten bereits einige Jahre am Buch von „Hair“ gearbeitet, aber noch keinen Komponisten gefunden. Der Freund eines Freundes eines Freundes machte sie schließlich mit dem Jazzpianisten McDermot bekannt – und der Rest ist, um ein vielbenutztes Klischee noch einmal aus der Schublade zu holen, Geschichte. Selbst als ihn seine Musik weltweit bekannt gemacht hatte, konnte ihn nichts aus der Ruhe bringen. John Lennon lud ihn einmal zu einer Party ein. Aber McDermot zog es vor, den Abend bei seiner Familie und seinen Kindern zu verbringen. Am 17. Dezember, einen Tag vor seinem 90. Geburtstag, ist er nun gestorben.

Und was wäre ein Weihnachtsfest ohne nackte Tatsachen? Die gibt’s in diesem Jahr aus Hessen. Etwa 250 fast hüllenlose Statisten haben sich im Kasseler Staatstheater filmen lassen. Allerdings nicht, um die klammen Kassen mit dem Erlös aus Pornofilmen zu füllen, sondern in im Theaterstück „Operette“ mitzuwirken. Darin werde „der Diktatur der Mode die Nacktheit gegenübergestellt“, sagte eine Sprecherin. Die Nackten verkörperten einen revolutionären Ansatz. Bei dem Dreh sollten die Freiwilligen nur hautfarbene Unterwäsche tragen. Das ­Staatstheater hatte zuvor öffentlich dazu aufgerufen, mit Unterwäsche und Bademantel zum Dreh zu kommen. Das ließen sich die Kasseler natürlich nicht zwei Mal sagen (ob sie allerdings im Bademantel zum Theater eilten, ist nicht überliefert). Das fleischreiche Video wird in der Inszenierung zu sehen sein, die am 19. Januar Premiere hat. Regie bei dem Stück des Polen Witold Gombrowicz, das aus dem Jahr 1966 stammt,  führt Philipp Rosendahl. no/dpa

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