Unterm Strich – die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden

Unterm Strich – die Kulturwoche : Fake News und das Lächeln einer Katze

Dass die Amerikaner niemals auf dem Mond waren, sondern den ganzen Zinnober im Juli 1969 in einem abgelegenen Hollywood-Studio veranstaltet und weltweit übertragen haben; dass ebenso das Kosmodrom Baikonur eine Kulissenstadt auf dem Mosfilm-Gelände ist und die ISS irgendwo in Sibirien irgendwie in der Schwerelosigkeit gehalten wird; dass Gauland, Meuthen, Weidel und Genossen – pardon: Kameraden – Wiedergänger prominenter Nazi-Größen sind, die auf dem Weg der Reinkarnation zwei ihrer drei noch aktiven Gehirnzellen eingebüßt haben; dass Dieter Bohlen sein Abitur bei einem Talentwettbewerb für Gitarrenanfänger gewonnen hat; dass der amerikanische „Präsident“ eine Neuauflage des Philosophen Friedrich Nietzsche ist, der einmal ein Leben führen wollte, ohne einen einzigen vernünftigen Gedanken haben zu müssen – all das sind, wie wir inzwischen wissen, Fake News.

Nichts davon stimmt. Das können Sie uns glauben.

Kaum wäre das geklärt, erschüttert eine neue Nachricht die Weltöffentlichkeit, die deren Vertrauensseligkeit auf eine harte Probe stellt: Schwarze Löcher existieren nicht nur, wie der britische Naturforscher John Michell bereits 1783 raunte – eine Idee, die der deutsche Astronom Karl ­Schwarz(!)- schild gut 140 Jahre später wieder aufgriff –, sie sind seit Neuestem auch sichtbar. Mal ganz abgesehen davon, dass Schwarz eigentlich gar nicht richtig sichtbar ist, war die einzige Person, die bislang unbeirrbar an die Existenz dieses Phänomens glaubte, Hazelle Goodman alias Cookie, die eine farbige Prostituierte in Woody Allens Film „Harry außer sich“ spielte. „Natürlich gibt es schwarze Löcher“, sagte sie, „ich bestreite schließlich meinen Lebensunterhalt damit.“


Jenseits solcher alltagsnahen Pragmatik haben nun Astrophysiker weltweit schweres Geschütz aufgefahren, um das eigentliche, das geheimnisumwobene, das himmlische schwarze Loch zeigen zu können, das unter anderem auch den pfeiferauchenden Albert Einstein ins Grübeln versetzt hat. Die Leistung von zahlreichen Radioteleskopen auf sämtlichen Kontinenten der Erde haben Wissenschaftler nun gebündelt, um das Phänomen sichtbar zu machen. Das Foto, das dabei herausgekommen – nun ja, beeindruckend ist anders: Zu sehen ist eine schwarze Öffnung, umgeben von gelb-rotem Gewaber. Bestimmt wappnet sich schon die wissenschaftsfeindliche Trollgemeinde im Netz mit der Behauptung, solche Bilder kriege jeder Gastroenterologe in seiner Praxis bei einer Darmspiegelung hin. Und die Kosten übernähmen sogar die Krankenkassen. Also wieder mal alles nur – fake news?

Sachte, sachte – ehe der Saal jetzt in Aufruhr und außer Kontrolle gerät, sei den Astro-Aficionados versichert: Macht weiter; wer weiß, wofür es gut ist. Wir sind auf eurer Seite. Vielleicht finden wir uns eines Tages alle in diesem schwarzen Loch wieder, und da wollen wir uns doch bestimmt vertragen und freundschaftlich miteinander plaudern; schließlich müssen wir das dann eine Ewigkeit lang machen. Und die soll ja nett werden. Wie sagte schon Friedrich Dürrenmatt, der Brückenbauer zwischen den Geistesgrößen und den Otto Normalverbrauchern: „Der Inhalt der Physik geht die Physiker an; die Auswirkung alle Menschen.“ Auch der bereits erwähnte Humorist Albert Einstein hat einen schönen Spruch über seine Kollegen geäußert: „Man hat den Eindruck, dass die moderne Physik auf Annahmen beruht, die irgendwie dem Lächeln einer Katze gleichen, die gar nicht da ist.“ Die Reaktionen auf seine ketzerischen Worte sind leider nicht überliefert. ­Rainer Nolden