1. Nachrichten
  2. Kultur

Unterm Strich – die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden

Unterm Strich – die Kulturwoche : Kunst am Körper oder wenn der „Tatort“ zum Tatort wird

Kunst ist nicht länger nur was für die heimische Wand oder die Schauräume in Museen. Kunst gibt’s jetzt auch für den Körper. Nein, nein, wir reden hier nicht von Tätowierungen, mit denen manche ihre fleischliche Hülle vom Fußrist bis zum Ohrläppchen pimpen und derer man sich nur qualvoll entledigen kann, wenn man sich (oder jemand anders) daran leidgesehen hat.

Sondern von auswechselbarer Kunst, die man sich, frisch gebügelt, morgens aus dem Kleiderschrank klauben kann.

Der Körper also als Museum: Da schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe – das eigene Ich wird sowohl zur Wechsel- als auch zur Wanderausstellung. Und warm wird einem dabei auch. Das Kunstmagazin „art“ hat sich zu seinem 40. Geburtstag mal was Neues für sich und seine Lesenden (wir ersparen uns hier das platzfressende „Leser und Leserinnen“; vielleicht läutet ja der intensivere Gebrauch des substantivierten Partizips Präsens das Ende des um sexuelle Korrektheit bemühte Gender-Gap-Sternchen-Unterstrich-Schrägstrich-Disputs ein) ausgedacht: International renommierte Künstler, von Jonathan Meese bis Klaus Staeck (ja doch, eine Frau ist auch dabei: Annette Schröter) gestalten inzwischen zur Oberbekleidung aufgewertete Unterhemden „wild, poetisch, rotzig, minimalistisch, bunt“, wie der Verlag seine T-Shirt-Edition anpreist. Die kosten stolze 50 Euro pro Stück, also etwas mehr als das günstige Dreierpack bekannter schwedischer oder irischer Textilhändler. Immerhin werden davon 10 Euro an die gemeinnützige Organisation „Artists at Risk“ gespendet, damit sich diese Künstler in Not vielleicht auch so ein T-Shirt leisten können. Einziger Nachteil dieser Kunstwerke für den Körper: Die Höhe der Auflage wird nicht genannt. Aber mit etwas Glück kann der Käufer vielleicht den „épreuve d’artiste“ ergattern, also den Probe- oder Belegdruck für den Galeristen. Und den sollte man dann zwecks Wertsteigerung vielleicht doch nicht am Körper tragen, sondern hinter Glas über die Couch hängen.

Das hat es in den fast 50 Jahren seiner Existenz noch nicht gegeben: Der „Tatort“ wird zum Tatort. Mehrere Jugendliche haben im saarländischen Sulzbach die fiktive Polizeidienststelle verwüstet. Requisiten wurden umgestellt, Möbelstücke mit einem Akkubohrer beschädigt, Türen aufgebrochen und ein Pulverfeuerlöscher benutzt. Der Drehort befindet sich in einem unbewohnten Gebäude. Als der Hausmeister nach dem Rechten sehen wollte, flüchteten laut Polizei drei junge Männer und zwei junge Frauen in einen angrenzenden Wald. Jetzt gilt es, mehreres festzustellen. Erstens: Der Hausmeister ist ein sehr gewissenhafter und pflichtbewusster Mensch, denn wer sonst würde an einem freien Tag seinen Arbeitsplatz aufsuchen, um nachzuschauen, ob alles in Ordnung ist? Zweitens: Die drei Jungs und die beiden Mädels sind einfach nur ihrer Hexennacht-Pflicht nachgekommen, die Teenager dazu vergattert, in den Stunden vom 30. April auf den 1. Mai möglichst viel Blödsinn anzustellen. Drittens: Wäre es wärmer gewesen, wären sie vermutlich nachts in ein Freibad eingebrochen, um sich dort zu amüsieren. Viertens: Vielleicht war der Einbruch ja auch eine Art Brachial-Kritik, mit der die Täter ihrem Unmut darüber Ausdruck verleihen wollten, dass Devid Striesow seinen Job als Saarbrücker „Tatort“-Kommissar geschmissen hat. Nicht auszudenken, was passiert, wenn Jan-Josef Liefers und Axel Prahl mal in Münster den Dienst quittieren würden … no/dpa