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Unterm Strich - Die Kulturwoche von Rainer Nolden

Kulturwoche : Humor gegen die Banalität

Sperrmüllabholtermine sind eine feine Sache. Man räumt den alten Plunder aus dem Keller oder vom Speicher und freut sich über den für neuen Plunder gewonnenen Platz. Die Zeiten, in denen man bei solchen Abholterminen Wertvolles aus der Nachbarschaft am Straßenrand entdecken konnte, sind zwar weitgehend vorbei, aber was wertvoll ist, liegt ja immer im Auge des Betrachters. Und dieses sollte der Entrümpler vielleicht noch mal über das Ausgemistete schweifen lassen, ehe der Müllwagen kommt. Denn vielleicht lässt es sich doch noch irgendwie einer neuen Existenzberechtigung zuführen – etwa als Kunstobjekt.

Diese Müllveredelungsidee hatte zum Beispiel Thorsten Brinkmann. Den Hamburger Künstler inspirieren Gegenstände, die andere ausrangiert haben. Und er macht daraus Skulpturen der wunderlichen Art. Ein zerzauster Sonnenschirm aus braunem Bast wurde in Kombination mit einem abgehalfterten Lampenschirm zu einem schamanenhaften Vogelwesen. Auch aus Tischbeinen, Vasen, Geweihen, Lampen und alten Schuhen kann noch was werden – beispielsweise Skulpturen mit etwas frivolen Namen wie „Paradiesvögler“ oder „Pimmeltony“. Man sieht: Hehre Kunst ist nicht das Ziel des 46-Jährigen. Das besagt schon der Titel seiner Schau, die bis zum 4. Februar im Kunsthaus Stade zu sehen ist: „Life ist funny, my deer“ – sehr frei übersetzt: „Das Leben is schon drollig, mein lieber Schwan“.

Immerhin begibt er sich damit auf ein Feld, das nur karg bestellt ist: „Die Künstler, die sich auf das Wagnis Humor einlassen, kann man an einer Hand abzählen“, sagt die Stader Kuratorin Luisa Pauline Fink. Denn nichts fürchtet ein Künstler mehr als die Bedeutungslosigkeit (sowohl die eigene als auch die seines Werks): „Was schnell mit Humorvollem verbunden wird, ist die Sorge, dass es banal wirkt“, meint Fink.

Wobei das Banale nicht unbedingt das Ende der Welt bedeuten muss: Beispiel Dschungelcamp. Selbst wer in dieses Sendeformat aus der untersten Schublade der Fernseh-„Unterhaltung“ hinabgestürzt ist, kriegt manchmal noch eine zweite Chance. Diesmal ist es „der schönste Mann der Welt“. Oder zumindest war er es mal. Oder hat jedenfalls behauptet, es zu sein.  Intendant Chris Dercon hat für eine Uraufführung an der Berliner Volksbühne den skandalumwitterten österreichischen Schauspieler Helmut Berger („Ludwig II.“) engagiert. Er spielt eine Hauptrolle in dem Stück „Liberté“ des Katalanen Albert Serra. Nun war ein Auftritt an der Volksbühne ja mal so etwas wie ein Ritterschlag für jeden Schauspieler; die Crème de la crème der deutschsprachigen Mimen gab sich dort die Klinke zu den Garderoben in die Hand – ehe Dercon das Ruder in die Hand gedrückt wurde, also zu Frank Castorfs Zeiten. Inhalt des Stücks in einem Satz: „Kurz vor der Revolution kommt eine Gruppe französischer Freidenker zusammen, um die Libertinage nach Deutschland zu exportieren.“ Libertinage und Berger – das passt zusammen, war der in Bad Ischl Geborene doch nie ein Kind von Traurigkeit und ein Liebling des Jetsets, sowohl weiblich wie männlich, der 1960er und 1970er Jahre.

Chris Dercon findet jetzt schon überschwängliche Worte für die Inszenierung, die am 22. Februar Premiere haben soll: „Albert Serra hat mit uns seine europäische Wunsch-Besetzung für ,Liberté‘ gefunden - mit der in Paris lebenden Saarländerin Ingrid Caven, dem Österreicher Helmut Berger, mit Jeanette Spassova, die bulgarisch-armenische Wurzeln hat, und mit der deutsch-französischen Anne Tismer.“  Karten gibt es unter Telefon … ach, bis Februar dauert’s ja noch ein bisschen. Vielleicht ändert sich die Nummer bis dahin. no/dpa