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Ursula Krechel stellt in Trier ihren Roman „Geisterbahn“ vor

Literatur : „Wir begreifen manches nur durch Kunst“

In der Heimat willkommen: Vor 230 Besuchern im großen Saal der Trierer Tufa hat Ursula Krechel ihren neuen Roman „Geisterbahn“ vorgestellt  – und dabei manches Detail entschlüsselt.

Es müssen noch Stühle herbeigeholt werden, um all jenen 230 Besuchern einen Platz zu bieten, die Ursula Krechel persönlich erleben wollen. Die aus Trier stammende und in Berlin lebende Autorin hat ihren jüngsten Roman „Geisterbahn“ in Trier angesiedelt und stellt ihn am Mittwochabend im ausverkauften großen Saal der Tuchfabrik mit Lesung und Podiumsgespräch dem Publikum vor. In ihm setzt sie sich mit der NS-Vergangenheit in dieser Region und ihren bis in die Gegenwart reichenden Spuren auseinander – ganz besonders mit einer Sinti-Familie, deren Überlebende nach der Rückkehr aus dem KZ in der Heimat Trier weiter ausgegrenzt wurden (der TV berichtete). Zwei Kinder der Familie Dorn führen im Südbahnhof ein Restaurant, bis Nazi-Anschläge  sie vertreiben.

Sind die Mitglieder der Familie Dorn bisher literarische Figuren im zeithistorischen 640-Seiten-Roman,  wirft dieser Abend in Trier ein Schlaglicht auf den Hintergrund des Werks „Geisterbahn“. Von der Bühne begrüßt Krechel persönlich Christian Pfeil und seine Angehörigen, „Menschen, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben“, wie die Autorin sagt. Christian Pfeil hat seine Geschichte in Trier schon mehrfach öffentlich erzählt, der Sohn einer Sinti-Familie wurde 1944 im Ghetto geboren und führte später ein Restaurant im Südbahnhof, auf das Anschläge verübt wurden. Die Täter hinterließen Nazi-Symbole, die Opfer gaben schließlich ihre Gaststätte auf und verließen Trier. Erst  vorletzte Woche hatte die Arbeitsgemeinschaft Frieden (AGF) in einem Stadtrundgang am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus an dieses Schicksal erinnert,  in der Tufa ist die AGF Mitveranstalter.

Die Passagen, die die zierliche Frau in knallrotem Rock und strengem grauen Blazer vorträgt, erzählen vom Heimkommen nach dem Krieg, der entsetzten Abkehr der Daheimgebliebenen,  vom Chaos im Schatten der Porta, Gedanken an den heiligen Simeon, von Schlagstock-Pädagogik und Draußen-Kindern. Warum spielt der Roman in Trier?, will Klaus Reeh wissen, der Vorsitzende der Tufa, der den Abend moderiert. Es musste Trier sein, sagte die Autorin, weil sie an dieser Stadt so vieles konkret machen konnte: den Bahndamm mit spielenden Kindern, die Züge nach Paris,  Route der Besatzer, die kleine Emigration vor dem Krieg nach Luxemburg. Anhand ihres Poesiealbums, das früher wohl jedes Mädchen besaß, habe sie Gedächtnis-Übungen gemacht und viele persönliche Erinnerungen einfließen lassen ins Romangeschehen, an dem sie seit 2014 arbeitete.

Auch den besonderen, von der Lyrik geprägten Stil Krechels machte Reeh zum Thema – wie sie unfassbare Fakten aus historischen Quellen in ihre Erzählung einbaut. Das Saarland zum Beispiel führte nach dem Krieg eine „Polizeiverordnung zur Bekämpfung der Zigeunerplage“ ein. Tatsachen als Schock-Element. „Ich arbeite gern mit diesen Fundstücken“, erklärt Krechel, deren Werk natürlich keine bloße Unterhaltung sein will. „Wir begreifen manches nur durch Kunst“, fügt die Autorin hinzu. Und erinnert erneut an die „ungeheuerliche“ Lage der Emigranten, die nach Deutschland zurückkehrten. In der Konkurrenz mit anderen Opfern, mit all den Kriegsversehrten, hätten sie das Nachsehen gehabt. Den Fokus auf solche Irritationen zu richten, darin sieht die 71-Jährige ihre Rolle – Erinnerung an die Lücken in der nur scheinbar glücklich und erfolgreich verlaufenden Geschichte der Bundesrepublik.  Nach dem Krieg, davon ist sie überzeugt, sei eine ungeheure Chance zu einer anderen Gesellschaft vertan worden.

Bevor sie den Besuchern ­Buchexemplare signierte, las Krechel noch zwei Gedichte vor. Die nächsten Stationen ihrer Lesereise sind Frankfurt und Köln.