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Vinyl der Woche: Architecture & Morality – Orchestral Manoeuvres in the Dark​

Vinyl der Woche: Architecture & Morality – Orchestral Manoeuvres in the Dark : Jeanne d’Arc und die Atombombe

Kein Song verkaufte sich 1982 in Deutschland so häufig wie Maid of Orleans von Orchestral Manoeuvres in the Dark. Unerklärlich.

Worüber schreiben? Frage ich mich immer mal wieder, bevor ich eine dieser Kolumnen in die Tasten haue. Fragten sich auch Andy McCluskey und Paul Humpreys als sie Orchestral Manoeuvres in the Dark gründeten (werde ich im Verlauf des Textes nur noch als „OMD“ bezeichnen ... ich hasse dieses Wort mit M, da weiß ich nie, welcher Vokal in der Mitte zuerst kommt). Also, worüber schreibt man als Synthiepop-Band, wenn man erfolgreich sein will? Liebe? Freude? Irgendwas anderes 08/15-mäßiges? Nö, dachten sich die Bandmitglieder. „Wir wollten keine traditionellen Liebeslieder schreiben“, sagte Paul Humphreys einst in einem Interview. Sie orientierten sich an Kraftwerk und Brian Eno, die ebenfalls über unübliche Dinge sangen.

1980 schrieben sie mit Enola Gay ihre erste wirklich erfolgreiche Single. Diese handelt vom gleichnamigen B-29-Bomber und dem Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima. Der Text eckte an (und wurde übrigens auch mal aus dem Kinderprogramm der BBC genommen, weil viele Hörer dachten, dass „Gay“ eine Anspielung darauf sei, dass die OMD-Mitglieder homosexuell seien). Die Single wurde ein Erfolg, also warum nicht so weitermachen?

Zwei Jahre später veröffentlichten OMD das Album Architecture and Morality mit ihrer bis heute erfolgreichsten Single: Maid Of Orleans (The Waltz Joan Of Arc). Auch hier – Sie ahnen es aufgrund des Namens in der Klammer – setzten sich OMD ab. Andy McCluskey schrieb den Song exakt am 30. Mai 1981. Wieso man das so genau weiß? Es war der 550. Todestag von Jeanne d’Arc (oder auf Deutsch: Johanna von Orléans – bleiben wir bei der französischen Version, die klingt viel besser). Kurzer geschichtlicher Exkurs: Jeanne d’Arc führte die Franzosen im Krieg gegen die Engländer – mit nur 17 Jahren. Sie wurde den Engländern ausgeliefert, 1431 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Kein Stoff für einen sanften Synthiepop-Song. Aber eine Frau, die Geschichten liefert. So auch für Andy McClusky, der bei seiner Schreibsession zum Todestag genug Stoff für zwei Songs zusammentrug. Die erste Single Joan of Arc schaffte es in die britischen Top-Ten, dann war Schluss. Sie passte musikalisch genau ins Gesamtkonzept der Band. Anders als Maid Of Orleans. Hier schrieben OMD eine Art Walzer. Das konnte nicht klappen, meinte die Plattenfirma. Maid Of Orleans wurde ein Welthit, in Deutschland wurde 1982 keine Single häufiger verkauft.

Aber wieso eigentlich? Ganz ehrlich: Keine Ahnung. Der Song ist irgendwie einlullend und hypnotisierend. Gleichzeitig aber sehr komplex und nichts, was man „eben mal so weghört“. Damit transportiert Maid of Orleans eine schöne Botschaft: Nicht alles muss immer erklärbar sein, vor allem in der Musik nicht. Christian Thome