1. Nachrichten
  2. Kultur

Vinyl der Woche: Ganz In Weiß – Roy Black

Vinyl der Woche: Ganz In Weiß – Roy Black : Schnulzen-Schlager – aktueller denn je!

65 Jahre ist es her, dass Roy Black mit Ganz in Weiß über Nacht zum Schlagerstar wurde. Auch wenn 65 Jahre viel Zeit sind, verbinden Black und die heutige Jugend einige Dinge.

Halt! Hiergeblieben! An alle jüngeren Leser, die nun sofort den nächsten Artikel anklicken wollen, weil der Herr auf dem Cover der heutigen Platte 1.) rein musikalisch weit entfernt ist und 2.) mit seinem damaligen Aussehen als Konkurrent bei der Partnersuche gesehen werden könnte: Bitte, geht nicht! Bleibt noch etwas hier. Lasst uns unvoreingenommen sein. Lasst uns euren Horizont erweitern. Lasst uns über Ganz in Weiß von Roy Black sprechen.

Denn so viel trennt euch und Roy Black nicht. Nun gut – zumindest, wenn wir in die frühen Sechziger zurückreisen. Denn damals ist der Augsburger Gerhard Höllerich (Blacks bürgerlicher Name) weit davon entfernt, ein Schlagerstar zu werden. Höllerich singt in der 1963 gegründeten Rock-n-Roll-Band Roy Black and his Cannons. Zu dieser Zeit entsteht auch sein Künstlername. Wegen seines schwarzen Haares gibt er sich den Nachnamen „Black“, den Vornamen borgt er sich bei seinem Idol, dem US-Sänger Roy Orbison, aus. Nachdem er und seine Band einen Plattenvertrag erhalten, bricht Black sein BWL-Studium ab. Ihr seid bis hierher drangeblieben? Weitermachen!

Denn auch als Roy Black vor 65 Jahren, im Frühjahr 1966, zum Schlagerstar wird, ist er weit davon entfernt, den heutigen Klischees der Laufen-zum-Kaffee-bei-Oma-aus-dem-Sender-mit-der-Vier-am-Ende-Schlagersänger zu entsprechen. Und das, obwohl sein erster Hit schnulziger kaum sein könnte. Noch heute würde es Ganz in Weiß bei der Songauswahl zu einem kitschigen Theaterstück zumindest in die engere Auswahl schaffen. „Ganz in weiß, mit einem Blumenstrauß. So siehst du in meinen schönsten Träumen aus. Ganz verliebt schaust du mich strahlend an. Es gibt nichts mehr was uns beide trennen kann“ ... das könnt ihr gerne heute noch eurer Freundin oder eurem Freund vorspielen - zieht vielleicht noch immer.

Roy Black ist damals 22 – und denkt nicht ans Heiraten. „Ich habe es gesungen, aber ich habe es nicht geglaubt“, sagt er später in einem Interview. Also ... wenn Heiraten für euch auch noch weit entfernt erscheint – wieder eine Gemeinsamkeit mit Roy Black!

Längst einer der bekanntesten Schlagersänger Deutschlands, hängt Roy Blacks Herz damals noch immer am Rock ’n Roll. Doch der gutaussehende Schlager-Black mit dem charmanten Lächeln ist für das Management ein Goldesel. Bei all dem Erfolg (bis 1969 schafft es jede seiner Singles in die Top-Ten der Charts), ist Roy Black nicht glücklich. Nach außen ist er Superstar, Schauspieler, Frauenschwarm – und immer zufrieden. Doch im Inneren fühlt er, dass er anerkannt werden will. Für das, was er ist. Nicht für die Musik, die er machen „muss“. Liebe jungen Leute ... auch dieses Streben nach Anerkennung ist in Zeiten von Social Media etwas, das heute präsenter ist denn je – stimmt’s?

So sehr man versucht, es zu vermeiden: Dieser Text muss traurig enden. Denn Roy Black verlässt diese Welt 1991 viel zu früh aufgrund eines Nierenleidens. Seine Persönlichkeit ist noch heute aktuell.

In der Kolumne „Vinyl der Woche“ stellt der Trierische Volksfreund wöchentlich eine Schallplatte vor – von Neuerscheinungen, über besondere Alben bis hin zu Klassikern. Alle Serienteile finden Sie hier.