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Vinyl der Woche: (Is This The Way To) Amarillo von Tony Christie

Vinyl der Woche: (Is This The Way To) Amarillo – Tony Christie : Warum, Tony?

Vor 50 Jahren schuf Tony Christie einen Klassiker. Vor 15 Jahren verschandelte er ihn dann. Und das nur, damit England in Deutschland Weltmeister wird (was sie natürlich nicht wurden).

Pah. Da hat sich jemand wirklich viel Mühe gegeben, eine Parodie von (Is This the Way to) Amarillo zu schreiben. Das ist ja schon satirisch, wie der Autor Ereignisse der englischen Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland (und bei den Turnieren zuvor) aufgreift, um einem der deutschen – sportlichen – Erzfeinde einen mitzugeben. In (Is This the Way to) The World Cup steckt so viel Ironie, herrlich. Zugleich sind Song und Video auch so schlecht gemacht, dass es schon wieder witzig ist. Hohe Kunst!

Was bitte? (Is This the Way to) The World Cup erschien schon vor dem Turnier? Puh, da konnte aber jemand gut vorhersehen. Neee, jetzt hören Sie aber auf. Ich lass‘ mich nicht reinlegen. Tony Christie kann diesen Song niemals selbst gesungen und damit seinen jahrzehntealten Millionenhit versaut haben. Wirklich, Sie meinen das ernst? Oha. Harter Tobak.

Bevor wir auf die musikalische Selbstzerstückelung eingehen, hier einige lobende Wort zum Original: (Is This the Way to) Amarillo ist wirklich ein guter Song. Einfach gehalten, klar. Aber genau deshalb verbinden viele Menschen Erinnerungen mit dem Werk, das vor 50 Jahren an der Spitze der deutschen Charts stand. Lange bevor ich wusste, wo Amarillo überhaupt ist, konnte ich den Text mitsingen (zumindest den Refrain, aber mehr als das sha-la-la, ich schwöre!). Also, bis dahin alles richtig gemacht, Tony!

Aber was, bitte was, hat dich 2005 geritten? Das einzig gute an der Neuauflage ist das erhaltene sha-la-la. Zum Video: Ich glaube, es reicht, wenn ich sage, dass dort Spielszenen in einem Stadion aufgeführt werden, die Akteure jedoch Masken mit dem Gesicht des Sängers und Namen wie „Beckham Christie“ und „Gerrard Christie“ tragen. Mega kreativ!

Den Text übertrifft jedoch nichts. Kennen Sie das Jugend-
wort des Jahres 2021? „Cringe“. Falls Sie nicht wissen, was das bedeutet, dieser Song erklärt es noch besser als die Tagesschau.

Hier einige Zeilen, die verdeutlichen, wieso man den Song für eine böse Parodie halten könnte:

  • Beckham scores a penalty (England, besonders David Beckham und die Elfmeter, wir kennen die Geschichte. Wurde 2006 aber neu aufgelegt, weil die Herren von der Insel gegen Portugal kläglich im Elfmeterschießen versagten)
  • We‘re gonna cruise the group stage, We should win all three (immerhin, das hätte England fast geschafft. Die Fußball-Weltmächte Trinidad & Tobago und Paraguay wurden besiegt, gegen Schweden reichte es nur zu einem Punkt)
  • ‚Cause we‘ve got Wayne Rooney eeeeee (Funfact, der Rooney, der im Spiel gegen Portugal vom Platz flog, also eben nicht da war)
  • und hier noch eine Zeile, einfach nur, weil sie so schlecht gereimt ist, dass ich sie nicht verschweigen kann: Every single player, Holds our destiny, And they‘ll all be heroes, On plasma screen TV.

Jetzt haben wir aber lange genug auf Tony Christie und den Engländern rumgehauen. Der Erlös der Neuauflage wurde SportsAid, einer Wohltätigkeitsorganisation, gespendet. Tony Christie sah 2010 selbst ein, dass die Version „absoluter Mist“ war. Und ein erheblicher Teil Deutschlands hielt damals Dieser Weg für einen guten Song und Xavier Naidoo für einen ernstzunehmenden Künstler. Also, Glashaus und so. Christian Thome

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