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Vinyl der Woche: Such Pretty Forks In The Road – Alanis Morissette

Vinyl der Woche: Such Pretty Forks In The Road – Alanis Morissette : Die erwachsene, aufgebrachte Weiße

Alanis Morissette ist zurück! Nach acht Jahren Wartezeit veröffentlicht die Kanadierin ihr neues Album Such Pretty Forks In The Road. Seit sie vor 25 Jahren unter anderem mit Ironic durchstartete, hat sich einiges verändert – und viele ist beim Alten geblieben.

Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit eine 21-Jährige sich mit dem Album Jagged Little Pill zum Weltstar katapultierte. Vorname: Alanis. Nachname: Morissette. Stil: Aufgebrachte weiße Frau. Eine Frau, die sich schon Jahrzehnte vor der „MeeToo“-Bewegung Gehör verschaffte – und das noch immer, auch auf ihrem neuen Album Such Pretty Forks In The Road, tut. Wenn auch anders.

Seitdem sie mit Jagged Little Pill und dem Megahit Ironic zu einer der gefragtesten Frauen im Musikbusiness wurde, ist viel passiert im Leben der Alanis Morissette. Die damals 21-Jährige ist mittlerweile 46 und dreifache Mutter. Auch musikalisch ist die Kanadierin erwachsen geworden. Vor 25 Jahren nutzte sie ihre Musik nach eigener Aussage dafür, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen: „Als ich eine junge Frau war, wurde mir weder erlaubt, traurig zu sein noch zornig oder ängstlich“, sagte sie jüngst in einem Interview.

Auf Such Pretty Forks In The Road finden sich zwar mit  Schmerz, Trennung, Ausbeutung, Frauenfeindlichkeit und männlichem Narzissmus durchaus Themen wieder, die wir aus früheren Alanis-Werken kennen – doch der Stil, wie diese verpackt werden, ist nicht mehr so grob wie in den 90ern. Zwar dominieren weiterhin Gitarre, Klavier und die zweifelsfrei umwerfende Stimme (die kein Bisschen an Glanz verloren hat) das musikalische Erscheinungsbild. Neu ist aber, dass Morissette deutlich ruhiger geworden ist und einen Mittelweg findet. Gefühlt wird ihre Wut nicht mehr mit einem Lichtschalter, der sofort komplett auf Attacke geschaltet ist, bedient. Heute agiert sie eher mit einem Dimmer. Es muss nicht immer hart sein.

Doch woher kommt diese neue Art, Themen anzusprechen, die – leider – alles andere als neu sind?

Wie gesagt: Es ist viel passiert im Leben der Alanis Morissette. Ein Beispiel: Nach der Geburt ihres Sohnes im August kämpft Morissette mit einer Wochenbettdepression. Dem britischen „Guardian“ sagt sie vor kurzem, wie schlimm diese Zeit für sie war: „Wenn ich nicht mein ganzes Leben lang ein ganzes Team von Therapeuten gehabt hätte, wäre ich wohl nicht mehr hier.“

Eine Aussage, die tief blicken lässt. Heute nutzt sie das Songschreiben nicht mehr primär um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen, sondern dafür, das „Unterbewusste herauszulassen“, sagt sie. Und doch zieht sie Parallelen zu ihrem 90er-Ich: Im Video zu Reasons I Drink spielt sie vier verschiedene Charaktere, trägt Wollmütze und Schal. Wie im Clip zu Ironic.

Such Pretty Forks In The Road ist Morissettes erstes Album seit acht Jahren. Das gut Ding Weile haben will, zeigt sich auch diesmal. Denn die vor bärenstarken Balladen nur so strotzende Platte ist ihre beste seit Jagged Little Pill. Vielleicht liegt das daran, dass in diesen acht Jahren viel passiert ist, im Leben der Alanis Morissette.