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Kulturmacher
Vom Erfinder zum 24/7-Künstler

 Der Konzeptkünstler Laas Koehler vor seinem Kunstraum KM9 im Karl-Marx-Viertel. Er bietet hier einen Ort der Kommunikation sowie der Verwirklichung von Träumen und Projekten.
Der Konzeptkünstler Laas Koehler vor seinem Kunstraum KM9 im Karl-Marx-Viertel. Er bietet hier einen Ort der Kommunikation sowie der Verwirklichung von Träumen und Projekten. FOTO: Julia Nemesheimer
Seit fast vier Jahren bringt Laas Koehler mit seinem Kunstraum KM9 frischen Wind ins Karl-Marx-Viertel und ganz Trier. Zeit, sich den Konzeptkünstler genauer anzusehen. Von Julia Nemesheimer

Wenn der Begriff „Kulturmacher“ auf jemanden passt, dann ist es Laas Koehler. Mit dem KM9 hat er für sich und viele andere Künstler einen „Erlebnisraum – Begegnungsraum – Arbeitsraum – Spielplatz der Kunst und noch viel mehr“ erschaffen, wie es auf der Facebook-Seite heißt. Hier macht nicht nur er selbst Kunst, sondern er bietet anderen eine Plattform und vor allen Dingen: Von hier aus bringt er Leben in die Stadt.

Fragt man den gebürtigen Berliner nach seinen ersten Gehversuchen als Künstler, erzählt er schmunzelnd und mit leichtem Hauptstadt-Dialekt von seinem ersten Wandgemälde mit Nutella im zarten Alter von drei Jahren. „So abgedroschen das jetzt klingen mag – die Kunst war schon immer da“, berichtet er. Sein Vater habe viel und gut gezeichnet, die Tante in den USA gemalt, und sein Onkel war Musiker. „Es liegt also in der Familie. Einen sehr großen Anteil hatte auch meine Urgroßmutter mit ihrer Erfinderwerkstatt“, blickt der Künstler zurück. Damals seien sie oft um den Küchentisch gesessen, die alte Frau leerte eine große Kiste mit allerlei Krimskrams, und die Kinder durften kleben, basteln, bauen – schlicht erfinden. Im Prinzip habe er schon immer gemalt und gezeichnet, auch schon sehr früh Kurzgeschichten geschrieben. „An der Kunst bin ich dann immer drangeblieben, mit vielen verschiedenen Materialien und Techniken “, erzählt der heute 45-Jährige.

Trotzdem sei damals nicht Künstler sein Traumberuf gewesen. Vielmehr wollte Koehler als Kind Bäcker oder Koch werden, Gastgeber im weitesten Sinne, zwischendurch auch Stand-up-Comedian und auf jeden Fall etwas mit Menschen. „Am Schluss ist dann doch Künstler dabei rausgekommen, aber wer schon mal im KM9 war, der weiß, dass ich eigentlich alles, was ich einmal werden wollte, hier unter einen Hut bringen kann“, resümiert Laas Koehler.

Doch bevor es so weit kam, schlug er zunächst einen anderen Weg ein. „Ich war nie auf einer Kunsthochschule oder habe mich künstlerisch ausbilden lassen“, erzählt der Autodidakt. Stattdessen sei er schon früh arbeiten gewesen und habe vor allem im sozialen Bereich gejobbt. „Ich habe mit allen Altersklassen zusammengearbeitet, auch als Sonderpädagoge“, berichtet er. Dabei sei die Kunst immer ein fester Bestandteil seines Lebens gewesen, und das Verlangen, sich ausschließlich dieser Leidenschaft zu widmen, wurde über die Jahre größer. „2006 kam dann der Sprung ins kalte Wasser. Ab da wollte ich 24/7-Künstler sein“, sagt der Konzeptkünstler. Damals habe die Kunst und die Arbeit gelitten, ein Zustand, den er nicht länger tragen wollte. „Klar, das Risiko war groß, dass es nicht funktioniert oder man viel Leerlauf hat und nicht weiß, wie man über die Runden kommen soll, aber das war ich bereit einzugehen“, meint der Künstler.

Nach Trier hat den Berliner, der auch in London oder San Francisco lebte, tatsächlich die Liebe gebracht. „Ich kam im Oktober 2007 hierher, kannte die Stadt nicht und Trier auch mich nicht. Ich hatte kein Atelier, aber dann hab ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Stadt und ihre Bewohner kennenzulernen“, sagt er. Inzwischen wissen viele, wer Laas Koehler ist und was er macht.

„Ich schaffe Räume, in denen sich Menschen begegnen und Kommunikation geschaffen wird“, erzählt Koehler, der 2015 das KM9 eröffnete. Darauf ist er stolz, schließlich könne man Kunstprojekte in Trier durchaus auch in Hundejahren rechnen, wie er lachend feststellt. Dennoch lebt er vor allem im Jetzt. „Ich miete den Raum für sechs Monate und zahle für diese Zeit im Voraus. Danach bleibt mir die Option, den Vertrag noch mal um ein halbes Jahr zu verlängern. Das möchte ich gerne beibehalten, schließlich weiß man nie, wie es weitergeht“, erklärt er sein Konzept, das dank des Vermieters, der sich auf die kurzen Intervalle einlässt, funktionieren kann.

Reich werde man mit Kunst in Trier nicht unbedingt, doch Laas Koehler arbeitet neben dem KM9 noch bei etlichen weiteren Kunstprojekten mit, als Kurator, beim Bau- und Kunstprojekt TufaTopolis für Kinder und Jugendliche in der Tuchfabrik  oder als Workshopleiter für Schulklassen. „Ich brauche keine großen Statussymbole oder viel Luxus in meinem Leben, da bin ich sehr minimalistisch“, meint Laas Koehler. Überhaupt komme es ihm auf materielle Dinge gar nicht so sehr an, denn wenn er reich an etwas ist, dann sind das persönliche Kontakte, Menschen und besondere Momente. Wo wäre er schließlich ohne das große Netzwerk, das er sich hier aufgebaut hat, das beständig wächst und ihn in Trier bleiben lässt? Und so gibt er der Stadt und ihren Bewohnern das zurück, was er zu bieten hat: seine Kunst, seine Zeit, seinen Raum, seine Kontakte.

An Ideen mangelt es ihm nicht. Neben seinem sich dauernd ändernden Ausstellungsraum mit Werken, Performances und Happenings von verschiedenen Künstlern engagiert er sich für das Karl-Marx-Viertel, produziert das KulturMagazin9.

Abwechslung dürfte der Wahl-Trierer auf jeden Fall haben. Durch seine offene und kommunikative Art bekommt er viele verschiedene Angebote – sei es als Produzent für Radiobeiträge oder Moderator bei Veranstaltungen –, doch bei allem ist er immer der Künstler Laas Koehler. „Kurz nachdenken und dann einfach machen! Immer Neuland betreten! So wird es auch nie langweilig“, meint er. Das sei auch die Aussage, die er nach außen vermitteln möchte: Die Sachen machen, die Leidenschaft ausleben. „Wenn Laas das kann, dann kann der andere das auch. Nur davon reden hilft nichts, man muss es wirklich anpacken!“ Julia Nemesheimer