Vom Himmel weit entfernt: Über Ferdinand von Schirachs neues Buch „Kaffee und Zigaretten“

Literatur : Vom Himmel weit entfernt

Ferdinand von Schirach ist einer der meistgelesenen deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Sein Stück „Terror“ eroberte im Sturm die Theaterbühnen, sein Buch „Der Fall Collini“ läuft gerade in den Kinos.

„Verbrechen“ und „Schuld“, in denen der Strafverteidiger Fälle aus seiner anwaltlichen Praxis aufgreift, wurden Bestseller.

„Kaffee und Zigaretten“ ist anders. Es sind 48 kurze bis sehr kurze Erzählungen, Betrachtungen, Notizen, Aphorismen, lose aneinandergereiht,  ohne Zusammenhang, manche enden mit einer Pointe. In ihnen offenbart der Autor in der ihm eigenen sachlichen Sprache sehr Persönliches  – von seiner Jugend im Jesuiten-Internat, dem frühen Tod des alkoholabhängigen Vaters, der sich das Leben nahm, dem eigenen Suizidversuch als 15-Jähriger bis hin zur Auseinandersetzung mit dem Großvater Baldur von Schirach, jenem Mann, der als Reichsgauleiter in Wien für die Deportation der Juden verantwortlich war und das als „aktiven Beitrag zur europäischen Kultur“ verstand. „Vielleicht“, schreibt von Schirach, „bin auch ich aus Wut und Scham über seine Sätze und seine Taten der geworden, der ich bin.“  Baldur von Schirach (1907-1974) verbrachte die letzten beiden Lebensjahre nach seiner Haft als Kriegsverbrecher in Kröv an der Mosel, sein Grabstein mit der Inschrift „Ich war einer von euch“ erregte in der Region bis zur Einebnung des Grabes 2015 viel Anstoß.

Mark Twain, schreibt von Schirach, soll gesagt haben, dass er auf den Himmel verzichte, wenn er dort nicht rauchen dürfe. Der Himmel ist von Schirach eh suspekt, „diese Leere im Kopf und dieses andauernde Frohlocken“. Dann doch lieber ein bisschen Sünde mit Qualm und Koffein als ein Leben in Langeweile. „Jede Zigarette ist im Grunde ja ein ,memento mori’, eine Erinnerung an unseren Tod, die eben auch immer eine Erinnerung an unser Leben ist.“

Tod und Lebenssinn spielen in vielen Geschichten eine Rolle. Da geht es um den als Kind misshandelten weichen Freund, der später Förster und Jäger wird wie sein harter Vater. Um Imre Kertész, den KZ-Überlebenden, der seinen letzten Halt in der Wahrung von Ritualen und ihrer Form sucht. Um zum Tode Verurteilte und verrückte Reiche, die für ein Ausmalbuch mehr bezahlen als ein Werk von David Foster Wallace kostet.  Um den heutigen Antisemitismus geht es und um Raubkunst, an der sich auch die Großeltern von Schirachs bereichert haben. Er habe „verstanden, dass Aufklärung den Opfern manchmal hilft“, schreibt der Enkel, der gerade erst eine Studie über Raubkunst im Besitz der Familie finanziert hat und andere Nazi-Nachfahren auffordert, Gleiches zu tun.

Vielleicht braucht es die Form der Beiläufigkeit, um solch persönliche Bekenntnisse machen zu können, wie von Schirach es tut. Manchmal wählt er die dritte Person, so als ob er nicht von sich erzählte. „Er ist sich sicher, sein Leben vertan zu haben, aber etwas anderes ist ihm nicht möglich gewesen.“ Die vielen Zigaretten und Kaffees, die von Schirach für dieses Buch gebraucht haben mag, sind wirklich gut angelegt. 
Anne Heucher

Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten, Luchterhand Literaturverlag 2019, 192 Seiten, 20 Euro.

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