| 18:51 Uhr

Ausstellungen Kunst
Von Marx zu Apple, Amazon und Alphabet

Teil der Ausstellung im Generator: der Trierer Uni-Präsident Michael Jäckel digital.
Teil der Ausstellung im Generator: der Trierer Uni-Präsident Michael Jäckel digital. FOTO: Eva-Maria Reuther
Trier. Eine Ausstellung im Generator, dem Medienkunstlabor der Universität Trier auf dem Petrisberg, beschäftigt sich mit der Digital- und Informationsgesellschaft vor dem Hintergrund des Werks von Karl Marx. Von Eva-Maria Reuther

„Content is king, distribution is queen“ (Der Inhalt ist König, die Verteilung Königin), weiß Jonathan Perelman. Für den Vizepräsidenten des Medienunternehmens BuzzFeed ist klar, wer in diesem Duo das Sagen hat: „She wears the pants“ (Sie hat die Hosen an). Mit seiner Einschätzung liegt der Amerikaner auf einer Linie mit Peter Weibel, dem Kurator der aktuellen Generator-Ausstellung auf dem Trierer Petrisberg.

„Wir leben in einem Zeitalter der Distribution“, beschreibt der Chef des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe die Entwicklung von der Produktionsgesellschaft des 19. Jahrhunderts in die Gesellschaft des digitalen Zeitalters. Der Künstler und Medientheoretiker hat die Ausstellung im Generator, dem  Medienkunstlabor der Universität Trier, kuratiert. Das Projekt, das in Kooperation mit dem ZKM entstand, ist ein Beitrag des Fachs Kunstgeschichte zum Karl-Marx-Jahr. Verbreitung von Information ist spätestens seit der Erfindung des beweglichen Buchdrucks durch Gutenberg ein gesellschaftliches Thema.  Im Digital- und Informationszeitalter hat die Distribution mittels Daten nicht nur eine extreme Wichtigkeit erhalten. Sie schafft auch neue virtuelle Welten und Werte.

Täglich suggerieren die elektronisch übermittelten Daten der Medien unmittelbare Teilhabe am Geschehen. Soziale Netzwerke schaffen neue Universen, die einzig auf Distribution angelegt sind und ihr eigenes, bisweilen kaum zu beherrschendes Regelwerk entwickeln. Wer sich bei Google und Co,  aber auch in der Eigendynamik der virtuellen Welt der Finanzwirtschaft umschaut, hat schnell den Eindruck, dass die digitale Revolution ihre eigenen Kinder zu fressen droht. Wie andernorts ist die Verbreitung von Daten eng mit Gewinnstreben und Wertschöpfung verknüpft. All das spiegelt die Ausstellung vor dem Hintergrund der Marx’schen Kapitalismuskritik, die auf den materiellen Produktionsbedingungen des 19. Jahrhunderts basiert. „Generator Marx – kapital I digital“ heißt der Titel der Schau, der wie eines der literarischen Wortspiele des französischen Philosophen Jean Baudrillard klingt.

Auf  das Werk „Der Spiegel der Produktion“ des ebenso prominenten wie umstrittenen Theoretikers der modernen Mediengesellschaft bezieht sich auch  die Arbeit von Peter Weibel und Bernd Lintermann. Nicht nur der Titel bringt auf den Punkt, was sich als Gegenwelten in dieser Schau darstellt. Der Ort selbst, das ehemalige Kohle-Heizkraftwerk des einstigen Militärkrankenhauses der französischen Garnison, steht als Denkmal für ein historisches Industriezeitalter, in dessen manifesten Produktionsprozessen  Materie mittels maschineller und menschlicher Energie zum Produkt wird.  Man kann sich lebhaft die Kohle schaufelnden Arbeiter und die laufenden lärmenden Turbinenmotoren in diesen  düsteren Industriekatakomben  von ehedem vorstellen. Unwirklich und ein wenig unbehaust  präsentieren sich darin die Monitore und Instrumente der Kunstwerke des Digital-Zeitalters, deren Materie einzig aus ihren Apparaturen bestehen. Was sich darin auftut, ist virtuell, soll heißen zum Bild und anderen Informationen verarbeitete Datei. Gleich eingangs kann der Besucher das erleben, wenn er selbst gleichsam zur visualisierten Datensammlung wird, die seine Größe, Haarfarbe und anderes registriert und zum Bild zusammenfügt.

Mit der digitalen Ökonomie befasst sich eine Installation von Peter Weibel, in der  es um die Welt der  „Big five“, der weltweit führenden Technologieunternehmer Apple, Amazon, Alphabet, Microsoft und Facebook geht und deren Datenvertrieb.  Was frühere Generationen noch Schwarz auf Weiß, auf die Griffigkeit des Buches vertrauend, als „Kommunistisches Manifest“ nach Hause trugen, wird hier zum schönen Schein der virtuellen Buchwelt.

In die „Kathedrale des Kommunismus“ geht es schließlich mit Hans G. Helms Chorwerk „Konstruktionen“, einer Licht-und Klanginstallation nach Texten von Karl Marx. Kathedralstimmung kommt jedoch weniger bei diesen Gesängen auf, eher erinnert das eindrucksvoll beschallte Ambiente mit seinen virtuellen Kohlefeuern  an die Carceri eines Giovanni Battista Piranesi.

Jede Menge Denkanstöße vermittelt die Schau zweifellos. Zum Beispiel wäre die Frage zu stellen, ob  zumindest in der westlichen Wohlstandsgesellschaft die entscheidende kapitalismuskritische Frage weniger die nach den Produktionsbedingungen sein muss als die nach der Verteilung von Wert und Mehrwert und der Definition von Werten. Solch offene Fragen machen die Schau als Anstoß zur Reflexion hochspannend.

Bis 9. Dezember; geöffnet mittwochs von 13 bis 14 Uhr, donnerstags 18.30 bis 19.30 Uhr sowie an jedem ersten  Samstag im Monat 14 bis 15 Uhr innerhalb einer Führung. Infos zur Anmeldung unter www.generator.uni-trier.de