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Literatur
Von Politik, Pelzen und Putin-Schokolade

Zieht 240 Besucher in seinen Bann: Schriftsteller Wladimir Kaminer in der Trierer Tufa.
Zieht 240 Besucher in seinen Bann: Schriftsteller Wladimir Kaminer in der Trierer Tufa.
Trier. Der deutsch-russische Autor Wladimir Kaminer  hat in der Trierer Tufa mit umwerfendem Humor vor 240 Besuchern für unerwartete Einblicke gesorgt. „Die Suche nach dem neuen Menschen“ war Kaminers Beitrag zum Karl-Marx-Jubiläum. Von Eva-Maria Reuther

Kein Wunder, dass es mit dem neuen russischen Menschen nichts wurde. Ein Volk, das 1904 bei der angestrebten Rechtschreibreform nicht mal bereit war, auf einen lächerlichen Buchstaben im Alphabet zu verzichten, ist einfach nicht reif für Innovation. Da standen auch die Bolschewiken in der Schweiz auf verlorenem Posten. Diesbezüglich kann man Wladimir Kaminer nur zustimmen. Der Autor war am Dienstag in Trier zu Gast und widmete den Abend dem Karl-Marx-Jubiläum.

Anderes hat auch nicht geklappt bei der „Suche nach dem neuen Menschen“, wie das Programm lautete, bei dem er die Lacher auf seiner Seite hatte. Zum Beispiel die sexuelle Befreiung. Bei der  haben die Russen wohl mal wieder maßlos übertrieben. Bisweilen konnten sich – wie Kaminer berichtet – männliche ausländische Besucher nur durch die Flucht aus dem Fenster vor den sexuellen Übergriffen der weiblichen Arbeiterklasse retten. Schon klar, das war in Vor-MeToo-Tagen zu Lenins Zeiten.

Niemand kann so umwerfend Geschichten vom alten und neuen russischen Menschen erzählen wie Emigrant Kaminer, dem Autor von „Russendisko“, bekannt aus Film und Fernsehen. „Soll ich weiterlesen“, fragt er immer wieder. „Aber klar.“  Der gebürtige Moskauer, der von sich sagt, er sei ein deutscher Schriftsteller und privat Russe, lebt seit 1990 in Berlin am Prenzlauer Berg. Eine Gegend, die in umgekehrter Marx`scher Revolutionsfolge erst von den Arbeitern eingenommen wurde, dann von den Intellektuellen und anschließend von den zugewanderten Schwaben, die dort heutzutage ihre „Kehrwoche“ organisieren.

Von Schwaben und deren streng ökonomischem Denken war auch an diesem Abend die Rede, bei dem es nicht nur um russische Geschichte und Mentalität ging , sondern auch  um moderne „Kreuzfahrer“ – so der Titel von Kaminers neuem Buch. Schon ein echtes Wunderland, so eine Kreuzfahrt, wo man neben schwäbischen Landsleuten natürlich auch Russen  trifft sowie Bürger der Neuen Bundesländer. Von rosa Rentnerpaaren aus Cottbus erzählte Kaminer, von Unterhaltungsoffizieren und Happy Hours mit „Zwei Cocktails zum Preis von einem“, von Partylaune und großem Bluff.

Und immer wieder der russische Mensch. Russen sind wie die Griechen – lethargisch, erfuhren die 240 Zuhörer. Weshalb es inzwischen sogar die alten Götter Griechenlands aufgegeben haben, und das Land auf konkurrierende Emigranten angewiesen ist. Die auch im Tourismusgeschäft bekannte Vorliebe russischer Menschen für Pelzprodukte zündete beim Ehepaar Kaminer allerdings nicht, eher schon das Angebot der Bar. Jedem das Seine. Ein aufmerksamer, klarsichtiger  Weltbetrachter mit einem gehörigen Schuss Selbstironie ist der Mann, der an diesem Abend im geblümten Hemd (wie von der Kreuzfahrt) vor seinem Publikum stand. Aber ein fröhlicher, der treffsicher die Groteske im Alltag erkennt, ob es um Tante Inge in China oder Revolutionen geht, um Omas erhöhte Schrittfrequenz  bei den Rolling Stones oder um Putin-Nussschokolade. Und nicht zuletzt ist der deutsch-russische Vertreter der Hauptstadtkultur mit seinem unschuldigen Kinderblick offenbar einer, der Menschen liebt. Sofern man Liebe als die Bereitschaft betrachtet, Menschen und ihren ganz normalen Wahnsinn so zu nehmen, wie sie sind.